Browser-Hinweis

Sie benutzen einen veralteten Internet Explorer (Version 9 oder kleiner)!
Abgesehen von Sicherheitsschwachstellen können Sie wahrscheinlich nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Ziehen Sie ein Update auf die aktuelle Version in Betracht.

Ex-HHG-Schulleiter prägte Schule und Politik in Bottrop

Roland Trottenburg, langjähriger Fraktionsvorsitzender der CDU und Leiter des HHG, feiert seinen 80. Geburtstag. Politik beobachtet er nur noch.

Er sei nie abgewählt worden, bei all seinen Mandaten und Posten habe er immer selbst entschieden, wann Schluss war. Das sagt Roland Trottenburg über sich selbst. Und das kann sicher nicht jeder von sich behaupten, der über so viele Jahre in der Politik aktiv war. Heute wird der ehemalige CDU-Fraktionsvorsitzende im Rat und langjährige Leiter des Heinrich-Heine-Gymnasiums 80 Jahre alt.

Der Politik hat er 2009 Lebewohl gesagt, heute ist er ein Beobachter. „Ich habe mich weitgehend zurückgezogen. Das ist eine Frage der Vernunft. Man wird älter und somit lästig“, kokettiert er. Dass es der CDU bei den letzten beiden Kommunalwahlen nicht gelang, ein Mandat in Alt-Bottrop direkt zu holen, hat ihn erschreckt.

1975 zog Trottenburg erstmals in den Rat ein, damals noch in den der neuen Stadt Bottrop. „Glabotki“ war ein Jahr später Geschichte. Trottenburg blieb jedoch bis 2009 im Rat. von 1980 bis 2007 leitete er die CDU-Fraktion. Heute wünscht er sich als Beobachter manches mal „mehr Leberm in der Bude“.

Dabei ist Trottenburg kein Freund des politischen Gezänks um seiner selbst willen. Im Gegenteil, er sei immer auch auf Konsens bedacht gewesen, gleiches habe für die Bottroper SPD gegolten. Es gibt zwar keine Koalition zwischen den großen Parteien im Rat, doch in den großen Fragen sei man sich einig gewesen. „Das war schon unter Ernst Wilczok so. Man wusste, dass man sich aufeinander verlassen konnte.“ Das habe der Stadt genutzt, glaubt er, gerade wenn irgendwo Gelder und Fördermittel verteilt wurden.

Trottenburg wohnt seit langem im Fuhlenbrock, ist überzeugter Bottroper. Das war nicht immer so. Geboren und aufgewachsen ist er in Castrop, nach dem Referendariat in Bochum hatte er dort eigentlich eine Stelle sicher. Doch schon 1965 herrschte Lehrermangel. „Am Abend bevor ich in Bochum meine Stelle antreten sollte, bekam ich einen Anruf der Bezirksregierung, dass ich in Bottrop arbeiten sollte.“ Er wollte eigentlich wieder zurück an die Bochumer Schule und in Castrop leben. Nach zwei Jahren am Heine dann der Sinneswandel und der Umzug. „Die Schule und die Schüler haben mir gefallen. Und auch die Stadt gefiel mir.“ 37 Jahre war Trottenburg am HHG, davon 15 als Schulleiter.

1968 trat er in die CDU ein. Seine Partei sieht er heute durchaus zwiespältig. Zwar werde er sie auch diesmal wählen, doch einige Entscheidungen wie der Umgang mit Flüchtlingen, die Abschaffung dar Wehrpflicht oder die Energiewende seien Dinge, die ihm missfallen.

Richtig gefeiert wird sein 80ster erst Sonntag. Denn zwei der vier Enkelkinder haben in diesen Tagen ebenfalls Wiegenfest. Gemeinsam feiern die Geburtagskinder am Sonntag im Familienkreis.

Quelle: Matthias Düngelhoff / WAZ Bottrop vom 15.9.2017

Trottenburg 80

Roland Trottenburg feiert heute seinen 80. Geburtstag. / Foto: Thomas Gödde

Ex-HHG-Schüler [Päd.-Prof.] über das deutsche Bildungssystem, dessen Verlierer und dessen Zukunft

„Top-down-regieren klappt nicht“.

Fehlende Basiskompetenzen, marode Schulgebäude, mangelnde Chancengleichheit: Bildungspolitiker stehen vor vielen Herausforderungen. Anne Odendahl sprach mit Heinz-Elmar Tenorth, emeritierter Professor für Historische Erziehungswissenschaft, über das deutsche Bildungssystem, dessen Verlierer und dessen Zukunft.

Anne Odendahl / 14.8.2017 / https://bildungsklick.de/schule/meldung/top-down-regieren-klappt-nicht/

Herr Prof. Tenorth, Sie empfahlen Bildungspolitikern jüngst in einem Vortrag, einfach mal ein Jahr lang nichts zu tun. Wie ist das gemeint?

Tenorth: Das ist natürlich eine rhetorische Zuspitzung. Aber mein Vorschlag wäre tatsächlich, dass sich die Bildungspolitik einmal dazu durchringt, innezuhalten und sich selbstkritisch zu beobachten. Bei allem, was evaluiert wird – Lehrer, Schulversuche, Schulen – ist die Bildungspolitik selbst das einzige System, das nicht evaluiert wird. Auch sie sollte ein Jahr lang die eigenen Effekte studieren und zudem von außen nüchtern messen lassen.

Was sind für Sie die Grundlagen guter Bildungspolitik?

Ich würde mindestens drei Dimensionen erwarten. Zum ersten eine vernünftige Schulgesetzgebung, die Schulen, Kollegien, Eltern und Schülern das Recht einräumt, ein Schulprofil auszubilden und ihre Arbeit nach eigenen Interessen und Zielen zu koordinieren. Ein Schulgesetz müsste den Mut haben, diese Selbstständigkeit in der Abhängigkeit zuzugestehen. Das zweite ist eine auskömmliche, auch für die Handlungsfähigkeit der Einzelschule förderliche Finanzierung. Ein Beispiel: Berliner Schulen haben ungefähr 500 Euro für die Weiterbildung des Kollegiums pro Jahr – für alle fachdidaktischen, fachwissenschaftlichen, schulbezogenen und diagnostischen Themen. Da veralbert man die Schule. Die Politik sollte auch dafür sorgen, dass Schulen nicht wie verdreckte Armenhäuser aussehen. Drittens sollten Bildungspolitiker kompetente, selbstbewusste Lehrkräfte ermutigen, betreuen und systematisch qualifizieren. Lehrerbildung geschieht nicht allein an Universitäten, sondern auch im Referendariat und im neuen Kollegium. Das kostet Geld und Zeit und ist bei der aktuellen Lehrverpflichtung und hohen Belastung der Referendare nicht realisierbar. Um diese drei Dimensionen – Gesetzgebung, Finanzierung und Sicherung der professionellen Kompetenz – muss sich der Staat kümmern.

Warum scheitern Bildungspolitiker daran, diese Dimensionen umsetzen?

Das Dumme ist, dass man mit Bildungspolitik zwar Wahlen verlieren, aber nicht gewinnen kann. Die meisten Bildungspolitiker wollen im Grunde intervenieren und gestalten. Sie verfolgen eine Strategie des Top-down-Regierens. Dann fallen ihnen die kuriosesten Dinge ein, wie Edmund Stoibers Idee, aus G9 G8 zu machen. Aber das klappt nicht.

Kritiker sagen, dass Bildungspolitik zu stark aus dem Bauch heraus gemacht wird, während die Empirie keine Beachtung findet. Stimmt das?

Sie erfolgt nicht aus dem Bauch heraus, sondern nach den Kriterien des politischen Systems. Ein Bildungspolitiker will wiedergewählt werden, kostengünstig arbeiten und sich nicht von außen belehren lassen, denn das wäre störend. PISA und andere Studien sind keine Untersuchungen zur Implementierung von Reformprozessen oder zur Verwirklichung der Qualitätsverwirklichung und -steigerung. PISA erstellt nur eine Defizitdiagnose, ohne zu sagen, wie es besser gehen kann. Das heißt: Die Beobachtung des Bildungssystems durch diese Outcome-orientierten Messungen ist eine wichtige systembezogene Information, aber sie erreicht das Klassenzimmer nicht.

Sie selbst kritisieren PISA als „Störungsnutzen“. Ist das der einzige Mehrwert?

Abgesehen davon, dass man die alte Bequemlichkeit aufgestört und dem deutschen Bildungssystem den Nimbus des besten Systems der Welt genommen hat, ist nicht viel passiert. Schule und Bildungswesen stehen jetzt unter Rechtfertigungszwang. Aber dieser bezieht sich nur auf die Dimensionen, die PISA misst. Also, wo in der Skala der OECD-Länder steht ihr? Ein Punkt, der mich umtreibt, ist die Risikogruppe männlicher Jugendlicher ohne Schulabschluss. Sie kümmert keinen mehr, weil der Mittelwert top ist. Die Anzahl der Schüler ohne Schulabschluss ist in den letzten zehn Jahren tatsächlich deutlich gesunken: von weit über 15 Prozent auf inzwischen um die 7 Prozent. Das sind Schüler, die jetzt offenbar ein Zeugnis bekommen, ohne Kompetenzen nachzuweisen. Einem solchen Zeugnis kann man nur durch den Tod entgehen, spotte ich gerne. Wir lösen das politische Problem, aber die Kompetenzvermittlung – die an sich das Ziel war und die man zertifizieren muss – spielt dabei überhaupt keine Rolle mehr. Die Lehrherren erhalten inzwischen Lehrlinge, die zwar ein Abschlusszeugnis, aber keine Ausbildungsreife haben, weil die Basiskompetenzen fehlen.

Der Übergang von der Schule in den Beruf gelingt häufig nicht so reibungslos wie gewünscht. Werden Schüler in Deutschland ausreichend auf das Berufsleben vorbereitet?

Ausbildungsreife haben sicherlich Abiturienten und die meisten Absolventen der Sekundarstufe I oder beruflicher Bildungsgänge wie der Fachoberschule. Aber die eben genannte Risikogruppe ist bestimmt nicht hinreichend ausbildungsreif. Was die kognitiven, mentalen und sozialen Voraussetzungen für die Ausbildung angeht, ist die Vorbereitung nicht hinreichend für alle.

Könnte eine bessere schulische Berufsorientierung helfen, diese Schüler gezielter auf die Anforderungen der Arbeitswelt vorzubereiten?

Das ist nicht einfach zu sagen, weil es diese Gruppe der Risikojugendlichen und Nichtausbildungsreifen schon relativ lange im deutschen Bildungssystem gibt. Man beginnt nur allmählich, besondere Programme zu entwickeln. Viele dieser Jugendlichen gehen gar nicht mehr regelmäßig in die Schule. So elementare Voraussetzungen wie eine konstante Beschulung müssten erst gesichert werden.

Ein Blick in die Zukunft des deutschen Bildungssystems: Wie wird die Digitalisierung die Bildung verändern?

Digitalisierung ist in der beruflichen Bildung von großer Bedeutung und wird da auch für gravierende Veränderungen sorgen. In allgemeinbildenden Schulen bin ich, entgegen der allgemeinen Euphorie, eher skeptisch, weil ich noch nicht genau absehen kann, was Digitalisierung eigentlich verändert. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass sie den Erwerb von Sprachkompetenz grundsätzlich anders strukturiert. Man hat vielleicht bessere Übungsmöglichkeiten, aber Schreiben, Lesen oder mathematische Aufgaben durchzuführen wird nicht durch digitalisierte Datenspeicher oder Geräte verändert, auf die ich anders zugreifen kann. Die ersetzen weder Schule noch Lehrer.

Welche Prognose stellen Sie dem Integrationserfolg deutscher Schulen?

Was Schulen im Integrationsprozess gut vermitteln können, sind kulturelle Basiskompetenzen, Sprachfähigkeiten, grundlegende Kulturtechniken und die Fähigkeit zur Selbstorganisation. Allerdings nur, wenn man sie nicht alleine lässt, was im Augenblick passiert. Wenn man nur dafür sorgt, dass Kinder in Schulen aufbewahrt werden, aber keine Programme und kompetent ausgebildeten Lehrer hat, die zum Beispiel mit Deutsch als Zweitsprache umgehen können, wird das lange ein Problem bleiben.

Wie wird sich die Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem zukünftig entwickeln?

Eine massive Bildungsungerechtigkeit, die ich sehe, betrifft die Risikogruppen. Diesen Jugendlichen nimmt man die Chance, Lernkompetenzen so auszubilden, dass sie selbstständig in weitere Lern- und Ausbildungsprozesse sowie berufliche und gesellschaftliche Tätigkeiten einsteigen können. Da muss man sich noch 20 weitere Jahre anstrengen. Strukturelle Ungerechtigkeit sehe ich in der Tatsache, dass man bei uns auf Kosten der Gemeinschaft studieren kann, während Eltern für Kitas bezahlen müssen. Die wichtigste Stufe der Bildung kostet die Eltern Geld, wohingegen die Privilegierungsstufe der Bildung kostenlos ist. Das halte ich für einen wirklichen Skandal. Studiengebühren sind meiner Meinung nach notwendig. Ich würde dagegen keine Bildungsungerechtigkeit darin sehen, dass sich vom Sekundarbereich II an unterschiedliche Bildungswege ausdifferenzieren und nicht jeder einen akademischen Ausbildungsgang wählen kann. Ich habe nicht den Eindruck, dass in der Bildungspolitik diese Prioritätendiagnose geteilt wird. Sie fragt bei Bildungsungerechtigkeit immer noch: „Abitur ja oder nein?“ Das halte ich für die falsche Perspektive.

Tenorth

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Heinz-Elmar Tenorth ist emeritierter Professor für Historische Erziehungswissenschaft am Institut für Allgemeine Pädagogik der Humboldt-Universität zu Berlin. 1965 Abitur am Heinrich-Heine Gymnasium Bottrop – damals noch Städtisches Jungengymnasium. 1975 promovierte er im Fach Pädagogik an der Universität Würzburg. Danach wurde er Professor für Wissenschaftstheorie und Methodologie der Erziehungswissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 1991 bis 2011 war Heinz-Elmar Tenorth Lehrstuhlinhaber für Historische Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. Sein Schwerpunkt ist die Historische Bildungsforschung. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen zählen „Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards. Eine Expertise“ und „Reformpädagogik – Erbe und Tradition“.

🔴 Treffen der Ehemaligen am 16. Dezember

Save HHG 16.12.

Bitte vormerken !

Am Samstag, den 16.12.2017 treffen sich die Ehemaligen des Heinrich-Heine-Gymnasiums bzw. des ehemaligen Städtischen Jungengymnasiums !

OrtHeinrich-Heine-Gymnasium, Gustav-Ohm-Str.65, 46236 Bottrop

Zeit: ab 18 Uhr 

Bitte merken Sie sich diesen Termin schon einmal vor und informieren Sie weitere ehemalige HHG-Absolventen. 

Diese Einladung richtet sich selbstverständlich auch an diejenigen, die die Schule VOR dem Abitur verlassen haben.   

Verweisen Sie bitte auf DIESE Seite – http://hhg-bottrop.de/ehemalige-2/ – und auf den HIER angegebenen Anmeldemodus)

🔴 Anmeldungen 🔴

Damit wir besser planen können – Getränke und Imbiss müssen vorbereitet werden-  bitten wir Sie, so schnell es Ihnen möglich ist, uns über Ihre Teilnahme zu informieren (allerspätestens bis zum 1. Dezember).

———————————————————————————————————————————————

Über DIESE Email-Adresse [einfach draufklicken] teilen Sie uns bitte mit:

HHG-111 [at] posteo [dot] de

🔺Name, Vorname  / 🔺ABI-Jahrgang / 🔺Anzahl möglicher Begleiter*Innen

(ggf. auch den Nachnamen, den Sie während der Schulzeit hatten)

———————————————————————————————————————————————

Und HIER werden Sie über das Ehemaligen-Treffen auf dem Laufenden gehalten. Zudem gibt es dort Informationen, die ehemalige Absolventen des Jungengymnasiums bzw. des HHG interessieren könnten.

🔴   http://hhg-bottrop.de/ehemalige-2/

Ex-HHG-Schüler – Pädagogik-Prof. – zum „Mythos“ Wilhelm von Humboldt

Die Vergötterung

Wilhelm von Humboldt wird seit je missverstanden. Kritische Bilanz eines Mythos.

Von Heinz-Elmar Tenorth / DIE ZEIT vom 22.6.2017

[Tenorth (geb. 1944) war Professor für Historische Bildungsforschung an der Humboldt Universität zu Berlin. Er machte 1965 sein Abitur am Heinrich-Heine Gymnasium Bottrop – damals noch Städtisches Jungengymnasium]

Über fehlenden Nachruhm kann er nicht klagen: Der Name Wilhelm von Humboldt ist – ebenso wie der seines jüngeren Bruders Alexander – jedem ein Begriff. Aber Wilhelm lebt offenbar nur noch als Mythos, man erinnert sich seiner nicht mehr als der gebildete Gelehrte, innovative Sprachforscher und souveräne Politiker, der er historisch war. Nicht als der von Goethe und Schiller geschätzte Gesprächspartner, nicht als der von konservativen preußischen Beamten als Liberaler gefürchteter Bildungsreformen. Wer war dieser Mann also wirklich, der vor genau 250 Jahren, am 22. Juni 1767, in eine Potsdamer Beamtendynastie hineingeboren wurde?

Wilhelm von Humboldt war »ein Preuße von Welt«, schreibt der Historiker Lothar Gail. Damit liegt er sicherlich richtiger als die Zeitschrift Cicero, die Humboldt kürzlich als »Rebell« feierte. Doch eine solche Haltung hätte sich mit Humboldt, dem aufgeklärten, gebildeten, zivilisierten Liberalen nicht vertragen. Auch verkennt dieses Attribut Humboldts Sinn für Realismus – besonders in seiner Bildungspolitik. Wer also aktuell meint, Humboldts Bildungsprogramm umstandslos für Kritik an Reformen ausbeuten zu können, hat ihn so wenig verstanden wie die Traditionalisten im frühen 20. Jahrhundert, die seine liberale Staatstheorie als Jugendsünde interpretierten. Dabei ist der historische Humboldt jenseits des Mythos die wahre Provokation, bildungstheoretisch, aber auch für die Bildungspolitik.

»Bildung« war nicht Humboldts einziges Thema, aber doch ein zentrales, alle Etappen seines Lebens von 1767 bis 1835 übergreifendes. Zunächst als ein Prozess der Selbstbildung, dann als Gegenstand seiner Schriften – kein Opus magnum, eher breit gestreut, nicht selten nur, wie er sie nennt, »Bruchstücke« —, nimmt die Frage der Bildung schließlich in seiner amtlichen Tätigkeit großen Raum ein.

Die Brüder Humboldt besuchten keine öffentliche Schule. Sie hatten aber prominente Privatlehrer, wie den Aufklärer Joachim Heinrich Campe, und sie lebten im Gespräch mit den Gebildeten ihrer Zeit. Mit Campe reiste Humboldt 1789 nach Paris, um die Revolution zu beobachten. Unzählige weitere »Bildungsreisen« folgen. Auch Humboldts Berufsleben war mobil: Nach dem Studium in Frankfurt/Oder arbeitet er als Jurist im Staatsdienst, als Diplomat in Rom, Wien und London, als Bildungsreformer in Berlin — und zwischendurch lebt er als Privatgelehrter fern vom Staat. Dabei sucht er die intellektuell inspirierenden Orte seiner Zeit auf: Göttingen, Jena, Paris, Madrid, Rom, Wien. Er nimmt teil an den Debatten der Klassik über Literatur und Philosophie und profiliert sich früh als ein distanzierter Beobachter seiner Welt, immer geleitet von der Frage, wie die Menschwerdung des Menschen legitimiert werden kann.

Humboldts Schriften dokumentieren die Breite seiner Themen: Die 1792 in Auszügen in Schillers Zeitschrift Thalia publizierten Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen zeigen den 25-Jährigen als einen für Deutschland bis heute singulären Denker des liberalen Staates. Später genießt Humboldt dafür im Ausland hohes Renommee; John Stuart Mill rezipiert ihn für sein Buch On Liberty, das 1859, mehr als 20 Jahre nach Humboldts Tod, erscheint.

Als politischer Denker propagiert Humboldt die Begrenzung des Staates auf die Garantie der Sicherheit der Bürger und plädiert zugleich für die Bildung der Nation, damit eine zivil-gesellschaftliche Praxis möglich wird. »Öffentliche Staatserziehung«, gar die Konstruktion von Gesinnungen durch den Staat sind ihm ein Gräuel.

Wenig später entsteht seine Theorie der Bildung. In diesem eher bruchstückhaften und doch klassisch gewordenen Text geht er von der Erwartung aus, dass die Bildung des Menschen nicht in der Innerlichkeit verbleibt, sondern in Staat und Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft die wirklichen Aufgaben erkennt und besonders in der Sprache ihr genuines Medium hat. In Studien über das griechische Altertum schon 1793 präsent, bearbeitet der polyglotte Humboldt sprachwissenschaftliche Themen kontinuierlich bis ins hohe Alter. Das herausfordernde Modell der Sprache sah er im Griechischen, repräsentiere es doch Literatur und Ästhetik, Politik und Praxis zugleich und in selten dichter Überlieferung.

In seiner kurzen bildungspolitischen Tätigkeit verband er Staatstheorie, Bildungsphilosophie und Sprachwissenschaft mit dem Ziel, Preußen durch Bildung aus der Krise von 1806 herauszuführen. Die Neugestaltung des Schulwesens im Geiste »allgemeiner Bildung« sollte über sprachliche, historische, mathematische und ästhetische Kenntnisse das »Lernen des Lernens« ermöglichen. Dafür konzipierte er eine neue Lehrerbildung und gründete 1810 eine Universität zu Berlin, um die Wissenschaften in Preußen insgesamt neu zu ordnen.

Diese kurze bildungspolitische Tätigkeit gab auch den Anlass, Humboldt zum umfassenden Bildungsreformer zu stilisieren, dem wir, so die Überlieferung, das Gymnasium und das Abitur, die Berliner Universität und die wahre Idee der modernen Hochschule verdanken, auch die schönen Prinzipien des »Neuhumanismus«, der »allgemeinen und gleichen Bildung«, das Postulat von »Einsamkeit und Freiheit«, der »Einheit von Forschung und Lehre«, der »Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden«, ja die Idee der »Bildung durch Wissenschaft«.

Aber das, man kann es selbst an Geburtstagen nicht übersehen, ist nicht der historische Humboldt, sondern eine Konstruktion. Der historische Humboldt trat als Bildungsreformer bereits 1810 zurück; seine Bildungspolitik wird spätestens 1816 beendet, als der auf Humboldts Arbeit aufbauende Schulgesetzentwurf abgelehnt wird; seine Philosophie ist umstritten.

Der Mythos Humboldt entsteht zuerst 1910 im Jubiläumsjahr der Berliner Universität. Eduard Spranger vor allem, ein einflussreicher Pädagoge, preist Humboldt als Bildungsphilosophen, Reformer und Erfinder der wahren »Idee der Universität«. Das war ebenso falsch wie die Praxis, Humboldt bis heute als »Allzweckwaffe« – so die Historikerin Sylvia Paletschek – bei allen bildungspolitischen Fragen einzusetzen.

Muss man Humboldt deshalb an den Mythos verloren geben? Zum Glück nicht. Man musste Humboldt nicht als Gründer der Berliner Universität »erfinden«, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts galt er unbestritten als der »eigentliche Gründer«. Und ihre Gründung hat ja wirklich er realisiert. Gegenteiliges sollte man nicht mehr behaupten. Die »Idee der Universität« und ihre bis heute beschworenen Elemente werden tatsächlich erst seit dem frühen 20. Jahrhundert in ihrer heute mythischen Form tradiert. Aber es ist die »deutsche Universität«, nicht die »Humboldtsche«, die dabei als »Idee« beschworen wird.

Für diese »deutsche Universität« sind zwei andere Philosophen eher von Bedeutung: Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Schleiermacher. Humboldt wurde lange kaum erwähnt, und wenn, dann eher kritisch. Der Soziologe René König nannte die Berliner Gründung gerade wegen Humboldts liberaler Staatstheorie die »Tragödie der deutschen Universität« – er schrieb dies wohlgemerkt 1935. Und der Philosoph Karl Jaspers lehnte 1961 die »Bildungsuniversität« ausdrücklich ab. Auch die Pädagogisierung der Elitenbildung im »Ideen«-Diskurs verkennt, dass Humboldt selbst eindeutig davor warnte.

Zugleich war die »Ideen«-Debatte stets eine Forderung von »Zweckfreiheit«, gegen »Ausbildung« und für Autonomie gegenüber dem Staat. Diese Forderung wurde zuerst gegen den demokratischen Staat von Weimar erhoben, deutlich weniger resistent gegen den NS-Staat, wieder mutig staatskritisch nach 1945 und heute kritisch gegen jede Bildungspolitik, die auch nur zaghaft an die Doppelaufgabe der Universität erinnert. Humboldts kluge Balance der Eigenlogik von Forschung mit einem »unmittelbaren Interesse des Staates« an der Elitenrekrutierung und -prüfung kommt heute nämlich ebenso wenig noch vor wie sein scharfes Plädoyer für das alleinige Berufungsrecht des Staates. Auch die Differenz von »Geistesfreiheit« und »politischer Freiheit« wird ignoriert.

Humboldt kannte zwar die Distanz zum Staat, aber weder er noch die Berliner Universität lebten je in Opposition zu ihm. Die »Idee« der Universität – sie ist in sich widersprüchlich und von der historischen Bildungspolitik Humboldts sowie der Realität der Ordinarien-Universität weit entfernt.

Ihre bis heute dominante Prägung gewann die »Idee der Universität« auch erst sehr spät – im Berlin des Kalten Krieges. Zum 150-jährigen Bestehen der Berliner Universität entbrannte darum 1960 ein scharfer Kampf. Die ostdeutsche Humboldt-Universität habe sich das Erbe widerrechtlich angeeignet, schimpfte die Freie Universität in ihrer Festschrift. Denn eigentlich sei sie doch nur die staatlich kujonierte »Kaderschmiede« des Sozialismus, ohne institutionelle Autonomie oder wissenschaftliche und geistige Freiheit, bedeute also Verrat an Humboldt und der »Idee« zugleich. Ganz anders die Humboldt- Universität und die DDR-Staatsführung: Sie sahen sich mit ihrem »politischen und kämpferischen Humanismus« als die einzigen und wahren Erben beider Humboldts, denn Alexander und Wilhelm symbolisierten die Einheit von Natur- und Geisteswissenschaften, und diese habe erst im wissenschaftlichen Sozialismus zu ihrer institutionellen Vollendung gefunden.

Erst in dieser deutsch-deutschen Konfrontation entstand der mächtige Mythos, weil Humboldt jetzt die Kampflinie markierte, an der sich nicht nur die Selbstbilder von Universitäten und Wissenschaften rieben, sondern auch die Identitäten zweier Nationen – bis 1990 der »wahre« Humboldt, der 1810 im Geiste der Reformen die Universität zum Aufbruch in eine bessere Welt geführt habe, endgültig und im Konsens zum Leitbild gemacht wurde. Doch erneut ist er primär nur Abwehrformel gegen alle Zugriffe, ob lokal, national oder europäisch. Der Mythos lebt.

Die Realität der deutschen Universität spielt dabei nie eine Rolle. Humboldts vermeintlich immer noch gültige Prinzipien werden sogar meist aus seinen Reflexionen Über die innere und äussere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin destilliert – ein Text, der bei der Universitätsgründung 1810 keine Rolle gespielt hat und der erst nach 1890 gefunden wurde.

Und, nicht zuletzt: Das deutsche Gymnasium hat Humboldt auch nicht erfunden. Er fand es als Reformprojekt lokaler Schulmänner bereits vor, ebenso wie das Abitur.

Was aber ist Humboldts Verdienst? Er hat die Bedeutung der Bildung im Lebenslauf gezeigt, und ihre Rolle in Schule und Universität. Die Gründung der Berliner Universität hat er durchsetzungsstark vorangetrieben, aber jenseits seiner Bildungsphilosophie, weil er diese bewusst hintanstellte. Und als es um Details ging, war er längst nicht mehr im Amt. Die aktuelle Realität des modernen Wissenschafts- und Bildungssystems hat er nicht einmal ahnen können. Ob (und wie) sich Humboldts Prinzipien aktualisieren lassen – das ist bisher ungeklärt. Schon jetzt hinterlässt eine Beschäftigung mit ihm aber wichtige Fragen: War es glücklich, seine liberale Bildungspolitik durch wohlfahrtsstaatliche Steuerung zu ersetzen? Sinnvoll, Etatismus und fürsorgliche Pädagogisierung an die Stelle von Selbstbildung und Eigenverantwortung treten zu lassen? Der aktuelle Mythos der Bildung, allumfassend und allseits zuständig, pädagogisiert und von Gleichheitssehnsucht gefesselt – auf Wilhelm von Humboldt kann er sich jedenfalls nicht berufen.

Neuer Grabstein steht auf Jüdischem Friedhof

Seine Gemeinde erinnert an den verstorbenen Lehrer Jo Tippelmann. Oberbürgermeister Bernd Tischler würdigt die Beerdigung Verstorbener jüdischen Glaubens auf dem Gräberfeld am Westfriedhof.

Von Norbert Jänecke / WAZ Bottrop 14.6.2017

Ein neuer Grabstein steht auf dem Jüdischen Friedhof. Dieser Gedenkstein erinnert an Horst Josef Tippelmann. Vor elf Monaten war der ehemalige Lehrer des Heinrich-Heine-Gymnasiums auf dem kleinen Gräberfeld am Rande des Westfriedhofs beerdigt worden. Wie es im Judentum Brauch ist, enthüllte die Jüdische Gemeinde knapp ein Jahr nach seinem Tod in einer kurzen Zeremonie seinen Grabstein. „Es ist gut, dass hier wieder Menschen jüdischen Glaubens ihre letzte Ruhestätte finden können“, unterstreicht Oberbürgermeister Bernd Tischler.

Die meisten Grabsteine auf dem Friedhof sind schon so alt, dass ihre Inschriften nicht mehr lesbar sind. Nur wenige halten die Erinnerung an die Verstorbenen noch so wach wie der nun enthüllte Gedenkstein: Hier ruht Horst Josef Tippelmann steht darauf. „Wir nennen ihn Israel Ben Abraham“, erklärt Judith Neuwald-Tasbach, die Leiterin der Jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen, Bottrop und Gladbeck: Israel Sohn des Abraham, heißt das. Für jeden Buchstaben dieses hebräischen Namens spricht Rabbiner Chaim Kornblum einen Psalm.

„Nach alter jüdischerTradition legen wir als Zeichen der Anerkennung und als Ausdruck dafür, dass wir das Grab besucht haben, kleine Steine darauf“, erklärt der Rabbiner. Viele Besucher des Friedhofs folgen seiner Bitte. Darunter sind eine Reihe früherer Kollegen und Schüler des Lehrers. Jo Tippelmann, wie ihn seine Kollegen nannten und frühere Schüler kannten, unterrichtete am Heinrich-Heine-Gymnasium Russisch und Latein. „Ich freue mich, dass so viele Weggefährten gekommen sind und Herr Tippelmann hier seinen Frieden gefunden hat“, sagt Judith Neuwald-Tasbach. Oberbürgermeister Bernd Tischler verweist darauf, dass Tippelmann sehr stark von der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen der Nationalsozialisten geprägt war, auch wenn er als Kleinkind nur die letzten Kriegsjahre erlebte. Auf dem Gräberfeld erinnert eine Gedenktafel an neun Juden, deren Gräber wegen Friedhofsschändungen nicht mehr auffindbar sind. „Der Friedhof war lange Zeit nicht erwünscht in dieser Stadt. Er ist damit auch ein Mahnmal für uns alle“, sagt Tischler. Jo Tippelmann habe sich stets zu seiner Religion bekannt. „Er trug den Davidstern sichtbar an seiner Kleidung“, erzählt der Oberbürgermeister. „Wir leben in einer schweren Zeit. Übergriffe islamistischer Terroristen verbreiten Angst und Schrecken. Rechtsradikale machen sich die Ängste der Menschen zu nutze“, mahnt Tischler. „Wir alle sind aufgefordert, uns für unsere Demokratie einzusetzen. Jo Tippelmann hat das getan“.

Grabstein Tippelmann

Das Haus des ewigen Lebens

■ Der Jüdische Friedhof  ist Teil des Westfriedhofes. Als dieser 1898/99 angelegt worden war, entstand ein gesonderter Bereich, auf dem eine Reihe jüdischer Bürgerinnen und Bürger bestattet wurde. Eine Gedenktafel erinnert außerdem an neun Juden, die in derzeit zwischen 1922 und 1930 gestorben waren. Wegen Friedhofsschändungen sind ihre Gräber nicht mehr auffindbar.

 

■ Der Friedhof wird im jüdischen Volksmund „Haus des ewigen Lebens“ genannt. Beim Besuch eines Grabes legen Angehörige einen kleinen Stein auf den Grabstein, um zu zeigen, dass der Verstorbene nicht vergessen ist.

Grabstein Tippelmann_2

 

 

 

 

 

http://www.juedische-friedhoefe.info/friedhoefe-nach-regionen/ruhrgebiet/bottrop/der-friedhof-von-bottrop.html#/2

 

Ex-HHG-Schüler in der FAS zum Thema „Schuluniformen“

Kleider machen Schule.

An amerikanischen Schulen mit Uniform gibt es weniger Mobbing und Gewalt. Ist das ein Vorbild für Deutschland? / Von Markus Günther / Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 11. Juni 2017

Dr. Markus Günther, geboren 1965 in Bottrop, machte am Heinrich-Heine Gymnasium 1986 sein Abitur, studierte Geschichte und Politikwissenschaften, bevor er für verschiedene Zeitungen tätig war.  Er ist Autor der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Washington, D.C.

Das Wort selbst ist ein Teil des Problems: Wer will schon sein Kind in eine Uniform zwängen? Das klingt nach FDJ und Hitlerjugend, nach Strammstehen und Gleichschritt. Vielleicht hegt es tatsächlich an dem schrecklichen Wort, dass in Deutschland bislang fast alle lokalen Versuche gescheitert sind, Schuluniformen einzuführen. Wenn jetzt ausgerechnet Politiker der AfD Schuluniformen fordern, wird sich der Widerstand gewiss verhärten. Dabei würde sich eine vorbehaltlose Debatte schon lohnen.

Denn wer erst einmal den deutschen und amerikanischen Schulalltag aus der Nähe vergleicht, ist schnell überzeugt: Einheitslook und Kleidervorschriften machen Eltern, Lehrern und Kindern das Leben leichter. Die positiven Alltagserfahrungen und Argumente sind so erdrückend wie die messbaren Ergebnisse. Denn gerade da, wo die Schuluniform erst im Laufe der vergangenen Jahre und Jahrzehnte eingeführt worden ist, liegen gut vergleichbare Daten vor, etwa für die schulischen Leistungen, Mobbing, Pünktlichkeit, Disziplinarmaßnahmen. Dabei weisen alle Indikatoren in dieselbe Richtung: Die Vorteile von Schuluniform und Kleiderordnung wiegen stärker als alle möglichen Nachteile. Und nicht die Kinder der gesellschaftlichen Eliten auf teuren Privatschulen, sondern gerade die Kinder der Unterschicht in sozialen Problemvierteln, Migrantenkinder und ethnische Minderheiten profitieren am stärksten von den Kleidervorschriften. Wer ständig Gleichheit predigt, sollte bei der Schuluniform anfangen. Es ist höchste Zeit, die deutschen Vorurteile auf den Prüfstand zu stellen.

Schuluniformen sind an den Privatschulen vieler Länder gang und gäbe, etwa in Kanada, Japan und England. In den Vereinigten Staaten haben zuletzt aber auch immer mehr öffentliche Schulen Uniformen eingeführt. Etwa jeder vierte Schüler in Amerika geht heute in Uniform zur Schule, an den öffentlichen Schulen ist es immerhin jeder fünfte. Dabei darf man sich unter dem Begriff nicht etwa eine Uniform im paramilitärischen Sinne vorstellen. Insofern ist der Begriff tatsächlich irreführend. In den allermeisten Fällen heißt Schuluniform für Mädchen: ein Rock in den Farben oder mit dem Muster der Schule, dazu Bluse, Pullover oder Strickjacke, manchmal auch Kniestrümpfe und schwarze Schuhe, und oft Sportkleidung mit dem Wappen der Schule. Für die Jungen: helle oder dunkle Stoffhose, Oberhemd in Weiß oder Hellblau, oft Krawatte oder Pullover mit dem Schulwappen. Streng oder verklemmt sieht das alles nicht aus, wohl aber fein, traditionell und ein bisschen wie aus einer anderen Zeit – denn außerhalb der Schulzeit tragen amerikanische Kinder und Teenager die Klamotten, die sie wollen, und sehen damit kaum anders aus als die Kinder und Jugendlichen in Frankfurt oder Hamburg.

Erst 1987 begann in den Vereinigten Staaten das moderne Zeitalter der Schuluniform, die an vornehmen Privatschulen und in Internaten natürlich nie ausgestorben war. Doch erst in der Ära Ronald Reagans, die zugleich eine Zeit wachsender Kriminalität und Jugenddelinquenz war, begannen auch öffentliche Schulen, mit Uniformen zu experimentieren. Ausgangspunkt war bezeichnenderweise eine schlimme Gewalttat: In Baltimore starb 1986 ein Jugendlicher im Streit um eine 95 Dollar teure Sonnenbrille, die ihm ein anderer stehlen wollte. Die darauf folgende öffentliche Debatte um den damals noch neuen Markenkult unter Jugendlichen führte dazu, dass die ersten Public Schools Schuluniformen einführten – von den meisten Eltern wurde die Entscheidung gleich befürwortet. Die Neuerung fand überall in Amerika Nachahmer. Bill Clinton machte sich als Präsident von 1993 an zum leidenschaftlichen Befürworter von Uniformen in öffentlichen Schulen. Er hielt viel beachtete Reden dazu und lieferte den Schulen ein Handbuch für die konkrete juristische und praktische Umsetzung: „Wir sollten im Interesse unserer Kinder jeden Schulbezirk unterstützen, der Uniformen einführen will“, sagte Clinton damals.

1994 erregte die Stadt Long Beach in Kalifornien nationales Aufsehen mit der Entscheidung, in allen öffentlichen Schulen Uniformen einzuführen. Auch dort war es eine Reaktion auf jugendliche Rivalität und steigende Kriminalitätsraten. Seither diente gerade Long Beach als bevorzugtes sozialwissenschaftliches Studienobjekt für die Wirkung von Schuluniformen. Die Zahlen sind klar: Die Zahl geschwänzter Schulstunden sank um 47 Prozent, Fälle von Vandalismus in Schulen gingen um siebzig Prozent zurück, Tätlichkeiten und Mobbing unter Schülern um 85 Prozent und Schulverweise um neunzig Prozent. Sogar die Zahl sexueller Übergriffe sank um über neunzig Prozent. Soziologen erklären das damit, dass Schuluniformen grundsätzlich den wechselseitigen Respekt erhöhen und ein allgemeines Klima von Pflichtbewusstsein, Anstand und Disziplin fördern. Vergleichbare Studien in Virginia, vor wenigen Wochen vom amerikanischen Bildungsministerium veröffentlicht, haben die Zahlen im Großen und Ganzen bestätigt. Weil die Studienergebnisse so überzeugend sind, ist die Zahl der öffentlichen Schulen mit Schuluniform in den vergangenen zehn Jahren in den Vereinigten Staaten um die Hälfte gestiegen.

Es sind heute neben den teuren amerikanischen Privatschulen, die meistens zwischen 20.000 und 40.000 Dollar Schulgebühren im Jahr kosten (aber durch Stipendien auch eine große Zahl von Kindern ärmerer Familien aufnehmen) gerade die öffentlichen Schulen in den Gettos und Problemvierteln, die auf Schuluniformen setzen. Zudem haben in vielen großen Städten wie Philadelphia, Chicago und New Orleans praktisch alle öffentlichen Schulen eine eigene Uniform, um erst gar nicht den Eindruck entstehen zu lassen, es gebe bessere und schlechtere Bildungseinrichtungen. Vielmehr soll der Gemeinschaftsgedanke an jeder einzelnen Schule gefördert werden.

Hinzu kommt, dass die meisten Schulen, die auf Uniformen verzichten, stattdessen einen strengen Dresscode haben. Das gilt heute für etwa sechzig Prozent aller amerikanischen Schulen, die Zahl ist in den vergangenen Jahren ständig gestiegen. Was genau der Dresscode vorschreibt, variiert. Aber amerikanische Lehrer und Schuldirektoren haben keine Hemmungen, klare Vorschriften zu erlassen und durchzusetzen. Oft sind Flip-Flops und Sandalen verboten, hängende Ohrringe, Piercings, Lippenstift und sichtbare Tätowierungen, außerdem hängende Hosen, schulterfreie Tops, zu kurze Hosen und Röcke. (Faustregel für die Rocklänge: Sie muss länger sein als die Fingerspitzen der herabhängenden Hände im Stehen.) Schließlich gehört zum Dresscode fast immer ein Verbot von Kleidung mit politischen oder religiösen Slogans. Mützen mit der Aufschrift „Make America Great Again“ sind ebenso verboten wie T-Shirts mit dem Slogan „Trump is not my President“.

Übrigens gilt ein Dresscode in der einen oder anderen Form auch für die Lehrer. Typisch deutscher Schlabberlook aus verwaschenen Blue Jeans und T-Shirt wäre an den allermeisten amerikanischen Schulen undenkbar. Wo von den Schülern Oberhemd und Krawatte und von den Schülerinnen Rock oder Kleid verlangt wird, erwartet man von den Lehrern und Lehrerinnen nicht weniger.

Unterbrochen wird all das von den gelegentlichen „Dress Down Days“, etwa einmal im Quartal, oft als Spendenaktion organisiert: Wer einen Dollar in die Klassenkasse oder für ein Projekt spendet, muss an diesem Tag keine Schuluniform tragen, sondern darf in selbst ausgesuchten Klamotten kommen. An jedem dieser Tage ist die Freude groß, aber die Rückkehr zum Alltag in Schuluniform am Tag darauf selbstverständlich, zumal die Kinder kreativ sind, wenn es darum geht, die winzigen Gestaltungsspielräume auszunutzen, die Dresscode und Uniform lassen, etwa mit Haarspangen, Ketten, Ringen, Socken und Schuhen. Der Vorwurf, die Uniform unterdrücke die Entfaltung der Persönlichkeit, ist kaum ernst zu nehmen. Die klügsten und kreativsten amerikanischen Köpfe von Hillary Clinton und Barack Obama bis zu Steve Jobs und Mark Zuckerberg haben alle mal Schuluniform getragen.

Das vielleicht stärkste Argument für die Schuluniform ist aber gerade dies: Es liegt ein Schuss Gleichmacherei darin. Migrantenkinder und Kinder aus Minderheiten, die durch Hautfarbe, Religion, Sprache oder kulturelle Eigenheiten auffallen, haben durch die Schuluniform vom ersten Tag an das Gefühl, voll und ganz dazuzugehören. Was aus großer Entfernung so elitär aussieht, ist in Wirklichkeit ein Programm des sozialen Ausgleichs und der kulturellen Integration. Beides würde auch Deutschland guttun.

Das heißt nicht, dass es keine Kritiker gäbe. Im Gegenteil, irgendwo in den Vereinigten Staaten macht immer gerade ein Streit um Schuluniformen Schlagzeilen, und vor irgendeinem Gericht wird immer gerade verhandelt, ob diese oder jene Vorschrift zu weit geht, mit welchen Methoden die Kleidervorschrift durchgesetzt werden darf, ob Zuwiderhandlungen die Entlassung von der Schule rechtfertigen und ob Kinder, die ihr natürliches Geschlecht ändern wollen (oder schon geändert haben), zu der einen oder anderen Uniform gezwungen werden können. Da die Gesetze in jedem der fünfzig Bundesstaaten anders sind und die Schulpolitik fast überall in lokalen Bezirken reguliert wird, hört der Streit nie auf und mit ihm die Flut sich widersprechender Urteile. Dennoch sind die Kritiker eine Minderheit. Die Meinungsverschiedenheiten haben auch nichts mit links und rechts zu tun. Selbst in liberalen Städten wie Boston haben die meisten öffentlichen Schulen Uniformen. Die Grenzen verlaufen nicht zwischen Konservativen und Liberalen, eher zwischen Lehrern und Eltern auf der einen und Schülern auf der anderen Seite.

Lehrer sind etwa zu neunzig Prozent vom Sinn der Schuluniform überzeugt, Eltern je nach Umfrage zu zwischen fünfzig und siebzig Prozent Die Schülerschaft ist gespalten. Vor allem ältere Teenager sind mehrheitlich dagegen, jedenfalls an den gemischten Schulen, an denen es auch eine Rolle spielt, dem anderen Geschlecht zu gefallen. An reinen Jungen- und reinen Mädchenschulen dagegen (in Amerika immerhin zusammen 800 öffentliche Schulen und ein großer Teil der Privatschulen) spielt das Argument keine Rolle. Vielleicht ist es auch einfach zu viel verlangt, von Schülern Begeisterung für die Uniform zu erwarten. Geht es um Hausaufgaben und Klassenarbeiten, lässt schließlich auch niemand die Schüler darüber abstimmen.

Bleibt die Frage: Wer bezahlt eigentlich für die Schuluniform? Tatsächlich entstehen durchschnittlich etwa 250 Dollar Kosten im Schuljahr, und die Branche setzt in Amerika etwa 1,3 Milliarden Dollar im Jahr um. Familien, die Mühe haben, die Kosten zu stemmen, erhalten aber fast überall finanzielle Unterstützung. Zudem regelt sich vieles einfach dadurch, dass gebrauchte Teile der Schuluniformen auf Tauschbörsen weiterverkauft werden.

Zu guter Letzt: Dass das alles nicht nur ein journalistisches Rechercheergebnis, sondern auch persönliche Erfahrung ist, soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden. Der Autor ist befangen. Unsere Kinder besuchen seit dem vergangenen Jahr wieder, wie früher schon einmal, amerikanische Schulen in Washington. Die Mädchen tragen ein kariertes Kleid und für den Sportunterricht kurze Hose und weißes Poloshirt mit dem Schulwappen. Für den Jungen gilt ein Dresscode, der Hemd, Krawatte und Blazer nach freier Wahl verlangt, aber Turnschuhe, alberne Socken und einiges mehr verbietet. Die familieninterne Umfrage zeigt eine einstimmige Befürwortung von Schuluniformen – sowohl auf Seiten der Kinder als auch der der Eltern. Auch wenn die Stichprobe zugegebenermaßen etwas klein geraten ist, ist das Ergebnis wohl doch nicht untypisch. Die wichtigsten Argumente der Kinder: Stolz darauf, zur Schulgemeinschaft zu gehören, und keine Eifersüchteleien um die Klamotten. Und der Eltern: Es gibt morgens überhaupt keine Diskussion darüber, was heute angezogen wird.

 

P.S.

Markus Günther hat im Februar sein Roman-Debüt mit dem Titel „Weiß“ vorgelegt (ISBN 9783038200437 / 20,00 €)

In den Medien ist es u.a. hier besprochen worden:

https://swrmediathek.de/player.htm?show=fcf20820-46b3-11e7-9fa5-005056a12b4c

♦https://denkzeiten.com/2017/06/10/markus-guenther-weiss-rezension/

Grabstein für Jo Tippelmann

Am 13. Juni auf dem Jüdischen Friedhof.

Vor knapp einem Jahr verstarb in Bottrop Horst Josef Tippelmann, der Mitglied der Jüdischen Gemeinde war. Er war lange Jahre Lehrer am Heinrich-Heine-Gymnasium und durch sein Engagement bekannt. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof am Westfriedhof bestattet. Nun bekommt sein Grab einen Grabstein.

Zur Grabsteinsetzung findet dort in Anwesenheit des Rabbiners Chaim Kornblum und der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen-Bottrop-Gladbeck, Judith Neuwald-Tasbach, am Dienstag, 13. Juni, ab 17 Uhr eine Zeremonie statt, zu der auch Gäste eingeladen sind. Oberbürgermeister Bernd Tischler wird ein Grußwort sprechen. Männliche Besucher werden gebeten, auf dem Friedhof eine Kopfbedeckung zu tragen.

WAZ Bottrop 8.6.2017

 

https://www.bottrop.de/presseportal/pressemeldungen.php?sp:newsdeskDetails=https://www.bottrop.de/guiapplications/newsdesk/publications/Stadt_Bottrop/113010100000185303.php&sp:cmp=newsdeskRss-1

 

Schüleraustausch beginnt mit HHG

Mit Rainer Hürter und seinen Klassenkameraden begann 1968 der enge Kontakt zwischen dem Gymnasium und Schulen der französischen Partnerstadt Tourcoing

Wenn ich an Tourcoing denke, erinnere ich mich an …: So sollen die Erinnerungssätze beginnen, die viele Bottroperinnen und Bottroper an ihre nordfranzösische Partnerstadt haben. Zu sehen sind sie ab dem 8. Juni im Kulturzentrum. Dann beginnt nämlich nicht nur das Stadtfest, sondern auch die nächste Ausstellung des Stadtarchivs, das damit an die Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrags zwischen beiden Städten vor nunmehr 50 Jahren erinnert.

„Wenn ich an Tourcoing denke, erinnere ich mich an jahrzehntelange Kontakte zu Schülern und Kollegen, die zum Teil noch heute meine Freunde sind“, sagt Rainer Hürter. Der Kommunalpolitiker und ehemalige Französischlehrer am Heinrich-Heine-Gymnasium (HHG) gehörte 1968 zum ersten Jahrgang seiner Schule, des alten Jungengymnasiums, mit dem der offizielle Schüleraustausch begann. Dass er später selbst einmal an seiner alte Penne unterrichten würde, hatte Hürter (Jahrgang 1950) sich damals jedenfalls nicht träumen lassen. „Wir waren 13 Primaner, die sich mit den Lehrern Klaus Kayser und Roland Trottenburg nach Tourcoing aufmachten“, erinnert sich der inzwischen pensionierte Oberstudienrat. „Für mich war es die erste Frankreich-Tour überhaupt. Und nur mit Klassenkameraden längere Zeit von zu Hause fort zu sein, war ebenfalls eine neue Erfahrung.“

Obwohl der Krieg damals keine 25 Jahre vergangen, die Aussöhnung mit dem einstigen „Erbfeind“ und Kriegsgegner und die deutsch-französische Freundschaft seit Adenauer und de Gaulle noch ein zartes Pflänzchen war, gingen die Gymnasiasten von einst recht unpolitisch auf große Abschlussfahrt.

Es sei eher um die Sprachkenntnisse, das Kennenlernen der anderen Kultur, Küche und Lebensart gegangen, sagt Rainer Hürter. Er lacht immer noch, wenn er über einem Zeitungsbericht von damals liest „Bottroper Schülern schmeckte Fenchel nicht“. Seine Austauschfamilie lebte damals mit vielen Kindern in einem Hochhaus. Hürter dagegen wuchs behütet an der Luggesmühle auf. Das bis heute straffe fast militärische, Schulsystem des Nachbarlandes fiel schon damals in den ungleich strengeren 60er Jahren den Bottroper Jungs auf.

Seither wird der Austausch mi der Partnerstadt gefördert und ist so findet Rainer Hürter, politischer, vielfältiger und bunter geworden. Paris gehöre heute immer zum Programm, so der Lehrer, der zu seiner aktiven Zeit den Austausch zwischen Tourcoing und dem HHG koordinierte.

Gerade jetzt, angesichts von Brexit, Rechts- und Linkspopulismus, der prekären Situation in Polen und Ungarn, sollten die Kontakte eher verstärkt als zurückgefahren werden, so der CDU-Politiker.

Von Dirk Aschendorf / WAZ Bottrop vom 22.4.2017

HHG-Hürter

Rainer Hürter gehörte nicht nur 1968 zu den ersten Austauschschülern
zwischen dem Bottroper HHG und Tourcoing. Er koordinierte später
viele Jahre an seiner alten Penne selbst die Touren in die Partnerstadt.

Ex-HHG-Schülerin arbeitet im Friedensdorf Oberhausen

Maria Tinnefeld war noch nicht auf der Welt, als das Friedensdorf Oberhausen gegründet wurde. Heute arbeitet die Bottroperin da: Extrem sinnvoll.

„Wann nach Hause? Wann nach Hause?“ Der kleine dunkelhäutige Junge bestürmt Maria Tinnefeld beim Gang durch das Friedensdorf Oberhausen. „Es dauert noch“, erklärt sie ihm. „Erst wenn du ganz gesund bist, kommt das Flugzeug.“ Der Junge ist einer von vielen kleinen Patienten, die nach schweren Krankheiten oder Operationen im Friedensdorf gesund gepflegt werden. „Fünf?“, fragt er nochmal und streckt fünf Finger hoch. „Nein, noch länger“, sagt ihm Maria Tinnefeld.

Seit zehn Jahren arbeitet die Bottroperin im Friedensdorf, das vor 50 Jahren gegründet wurde, lange bevor sie selber das Licht der Welt erblickte. Gegründet wurde es von Oberhausener Bürgern, die Verantwortung übernehmen wollten für Kinder aus Kriegsgebieten und damals an ein Provisorium und vorübergehende Hilfe dachten. Die Einrichtung besteht bis heute und wird weiter dringend gebraucht. Anfang des Jahrtausends wurde die Anlage komplett saniert und teils neu gebaut.

Nach dem Abitur als Praktikantin angefangen

Damals war auch Maria Tinnefeld schon dabei. 1999 hat sie am Heinrich-Heine-Gymnasium ihr Abitur gemacht und nach einem Praktikumsplatz gesucht. Sie dachte an ein Kinderheim und bekam von einer Freundin den Tipp: Friedensdorf Oberhausen. „Das kannte ich bis dahin gar nicht, obwohl es ja nur zehn Kilometer von Bottrop entfernt ist. Als ich hier ankam, war da eine bunte Traube von Kindern“, erinnert sich die heute 36-Jährige.

Drei Monate wollte sie damals eigentlich bleiben. „Ich habe drei Mal verlängert.“ Schon als Praktikantin konnte sie 2000 mit auf einen Auslandseinsatz, drei Tage Angola, um Kinder von dort nach Deutschland zu bringen. Damals hat es sie gepackt.

Sozialpädagogik studiert

Sie hat dann Sozialpädagogik studiert und den Schwerpunkt auf interkulturelle pädagogische Friedenserziehung gelegt. Nach dem Studium hat sie direkt in Oberhausen angefangen. „Hier findet sich die ganze Weltgeschichte wieder“, sagt sie. Die Folgen von Kriegen, Not und Elend sind bis ins Friedensdorf zu spüren. Sie macht Auslandseinsätze und Organisation und ist seit dem Sommer auch Sprecherin des Friedensdorfes.

300 Kinder aus acht Ländern werden betreut, die eine Hälfte im Dorf, die andere in Krankenhäusern. Bei der Gründung im Juli 1967 wollten die Initiatoren Kindern aus dem Nahen Osten und Israel helfen. Die Hilfe wurde nicht gebraucht, weil der Krieg nach sechs Tagen zu Ende ging.

Die ersten Kinder kamen 1967 aus Vietnam

Die Geschichte des Friedensdorfes beginnt so eigentlich mit der Behandlung von Kindern während des Vietnamkrieges, im Dezember 1967 kamen die ersten. Schon damals war der Plan, dass die Kinder nach der Behandlung in ihre Heimat zurückkehren. Bis heute hat das Friedensdorf enge Kontakte zu Vietnam, auch wenn es hier keine Einzelfallhilfe mehr gibt.

Die ist derzeit vor allem in Afghanistan und Angola notwendig. Die Kinder werden den Helfern vor Ort von ihren Eltern gebracht und mit nach Deutschland genommen, wenn ihre Verletzungen, Infektionen, angeborene Fehlstellungen und Krankheiten wegen der unzureichenden medizinischen Versorgung in ihrer Heimat nicht behandelt werden können.

Krankenhäuser in ganz Deutschland versorgen die Kinder kostenlos. Eines davon ist das Marienhospital in Bottrop, das Kinder in die Kinderklinik und die Orthopädie aufnimmt. „Das ist ein ganz großer Gewinn für uns“, freut sich Maria Tinnefeld.

Kinder werden gesund gepflegt

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus werden sie im Friedensdorf gesund gepflegt, erhalten Therapien, Prothesen und Medikamente. Mit Medizin und Hilfsmitteln werden sie bei Bedarf auch nach ihrem Rückflug weiter kostenlos versorgt. Manche bleiben ihr Leben lang darauf angewiesen.

Im Schnitt bleiben die Kinder sechs Monate in Deutschland, berichtet Maria Tinnefeld. „Sie wollen unbedingt wieder wieder nach Hause“, ungeachtet aller Not und Armut. Und so wird sie mit Fragen bestürmt, wenn sie durch Dorf läuft: „Wann nach Hause?“ Bald.

DAS FRIEDENSDORF BRAUCHT SPENDEN

Aus drei Säulen besteht die arbeit des Friedensdorfes Oberhausen: Die größte ist immer noch die Einzelfallhilfe für verletzte und kranke Kinder in Deutschland, die aber immer schwieriger wird, weil sich der Kostendruck der Krankenhäuser auswirkt. Zweite Säule die Arbeit vor Ort, wo beispielsweise Basisgesundheitsstationen aufgebaut werden. Dritter Bereich ist die Bildungsarbeit mit Kinder- und Jugendgruppen, die das Friedensdorf besuchen.

Das Friedensdorf finanziert seine Arbeit durch Spenden und Mitgliedsbeiträge. Gut fünf bis sechs Millionen Euro müssen jährlich aufgebracht werden. Spenden sind möglich bei der Sparkasse Oberhausen auf das Konto IBAN: DE59 3655 0000 0000 1024 00. Weitere Informationen auf: www.friedensdorf.de

Tinnefeld
Maria Tinnefeld mit einigen Kindern im riesigen Speisesaal des Friedensdorfes Oberhausen.

Tinnefeld_2
Beim Gang durch Friedensdorf wird Maria Tinnefeld von den Kindern bestürmt.
Fotos: Heinrich Jung

WAZ vom 19.1.2017

Abiturienten des HHG feiern Denkmalparty

Die Veranstaltung gibt es seit zehn Jahren. Wiedersehen mit alten Schulfreuden

Die Denkmalparty des Heinrich-Heine-Gymnasiums setzt die bisherige Erfolgsgeschichte fort: Seit zehn Jahren findet die Feier der ehemaligen Schüler alle zwei Jahre mit Wegbegleitern, Freunden und Bekannten statt. Am 23. Dezember laden nun diesjährig zehn Abschlussjahrgänge des Gymnasiums in das Oberhausener Resonanzwerk ein. Jeder – ob Abiturient oder nicht – ist willkommen, bei den letzten Festen kamen Schulkameraden aus allen weiterführenden Schulen Bottrops.

„Die Party ist ein Ehemaligen-Treff in lockerer Atmosphäre. Die Stimmung ist sehr ungezwungen“, sagt Organisator Carsten Rietfort, der die Feier erstmalig vor zehn Jahren ins Leben rief. „Im Vergleich zu einem normalen Stufentreffen wollten wir etwas Außergewöhnliches bieten. In dieser Form gibt es in der Umgebung bisher wenig“, ergänzt Rietfort.

Die Veranstaltung entstand 2007, als die Schüler sich Gedanken über ihr eigenes Denkmal auf dem Schulhof machten. Sie wollten die Tradition voriger Abitur-Jahrgänge fortsetzen. Den Bau konnten sie jedoch nicht stemmen, denn umfangreiche Renovierungsarbeiten waren für das Gelände geplant. Die Idee zur Denkmalfeier entstand im Anschluss. Die Abiturienten stellten die atmosphärische Feier auf die Beine, die Folgejahrgänge übernahmen des Format nach erfolgreicher Erstauflage.

Die Organisation leiten derweil alle Sprecher aktueller Stufen, die Träger des Förderpreises sowie weitere Helfer. 20 Ehemalige sind mit von der Partie. Das Team rechnet auch diesjährig mit vielen Gästen aus der Region, rund 350 Besucher werden erwartet. Die Feier beginnt an der Essener Straße 259 um 22 Uhr, der Eintritt beträgt 7 Euro.

WAZ 22.12.2016

Ältere Beiträge »