Ex-HHG-Schüler in der FAS zum Thema „Schuluniformen“

Kleider machen Schule.

An amerikanischen Schulen mit Uniform gibt es weniger Mobbing und Gewalt. Ist das ein Vorbild für Deutschland? / Von Markus Günther / Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 11. Juni 2017

Dr. Markus Günther, geboren 1965 in Bottrop, machte am Heinrich-Heine Gymnasium 1986 sein Abitur, studierte Geschichte und Politikwissenschaften, bevor er für verschiedene Zeitungen tätig war.  Er ist Autor der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Washington, D.C.

Das Wort selbst ist ein Teil des Problems: Wer will schon sein Kind in eine Uniform zwängen? Das klingt nach FDJ und Hitlerjugend, nach Strammstehen und Gleichschritt. Vielleicht hegt es tatsächlich an dem schrecklichen Wort, dass in Deutschland bislang fast alle lokalen Versuche gescheitert sind, Schuluniformen einzuführen. Wenn jetzt ausgerechnet Politiker der AfD Schuluniformen fordern, wird sich der Widerstand gewiss verhärten. Dabei würde sich eine vorbehaltlose Debatte schon lohnen.

Denn wer erst einmal den deutschen und amerikanischen Schulalltag aus der Nähe vergleicht, ist schnell überzeugt: Einheitslook und Kleidervorschriften machen Eltern, Lehrern und Kindern das Leben leichter. Die positiven Alltagserfahrungen und Argumente sind so erdrückend wie die messbaren Ergebnisse. Denn gerade da, wo die Schuluniform erst im Laufe der vergangenen Jahre und Jahrzehnte eingeführt worden ist, liegen gut vergleichbare Daten vor, etwa für die schulischen Leistungen, Mobbing, Pünktlichkeit, Disziplinarmaßnahmen. Dabei weisen alle Indikatoren in dieselbe Richtung: Die Vorteile von Schuluniform und Kleiderordnung wiegen stärker als alle möglichen Nachteile. Und nicht die Kinder der gesellschaftlichen Eliten auf teuren Privatschulen, sondern gerade die Kinder der Unterschicht in sozialen Problemvierteln, Migrantenkinder und ethnische Minderheiten profitieren am stärksten von den Kleidervorschriften. Wer ständig Gleichheit predigt, sollte bei der Schuluniform anfangen. Es ist höchste Zeit, die deutschen Vorurteile auf den Prüfstand zu stellen.

Schuluniformen sind an den Privatschulen vieler Länder gang und gäbe, etwa in Kanada, Japan und England. In den Vereinigten Staaten haben zuletzt aber auch immer mehr öffentliche Schulen Uniformen eingeführt. Etwa jeder vierte Schüler in Amerika geht heute in Uniform zur Schule, an den öffentlichen Schulen ist es immerhin jeder fünfte. Dabei darf man sich unter dem Begriff nicht etwa eine Uniform im paramilitärischen Sinne vorstellen. Insofern ist der Begriff tatsächlich irreführend. In den allermeisten Fällen heißt Schuluniform für Mädchen: ein Rock in den Farben oder mit dem Muster der Schule, dazu Bluse, Pullover oder Strickjacke, manchmal auch Kniestrümpfe und schwarze Schuhe, und oft Sportkleidung mit dem Wappen der Schule. Für die Jungen: helle oder dunkle Stoffhose, Oberhemd in Weiß oder Hellblau, oft Krawatte oder Pullover mit dem Schulwappen. Streng oder verklemmt sieht das alles nicht aus, wohl aber fein, traditionell und ein bisschen wie aus einer anderen Zeit – denn außerhalb der Schulzeit tragen amerikanische Kinder und Teenager die Klamotten, die sie wollen, und sehen damit kaum anders aus als die Kinder und Jugendlichen in Frankfurt oder Hamburg.

Erst 1987 begann in den Vereinigten Staaten das moderne Zeitalter der Schuluniform, die an vornehmen Privatschulen und in Internaten natürlich nie ausgestorben war. Doch erst in der Ära Ronald Reagans, die zugleich eine Zeit wachsender Kriminalität und Jugenddelinquenz war, begannen auch öffentliche Schulen, mit Uniformen zu experimentieren. Ausgangspunkt war bezeichnenderweise eine schlimme Gewalttat: In Baltimore starb 1986 ein Jugendlicher im Streit um eine 95 Dollar teure Sonnenbrille, die ihm ein anderer stehlen wollte. Die darauf folgende öffentliche Debatte um den damals noch neuen Markenkult unter Jugendlichen führte dazu, dass die ersten Public Schools Schuluniformen einführten – von den meisten Eltern wurde die Entscheidung gleich befürwortet. Die Neuerung fand überall in Amerika Nachahmer. Bill Clinton machte sich als Präsident von 1993 an zum leidenschaftlichen Befürworter von Uniformen in öffentlichen Schulen. Er hielt viel beachtete Reden dazu und lieferte den Schulen ein Handbuch für die konkrete juristische und praktische Umsetzung: „Wir sollten im Interesse unserer Kinder jeden Schulbezirk unterstützen, der Uniformen einführen will“, sagte Clinton damals.

1994 erregte die Stadt Long Beach in Kalifornien nationales Aufsehen mit der Entscheidung, in allen öffentlichen Schulen Uniformen einzuführen. Auch dort war es eine Reaktion auf jugendliche Rivalität und steigende Kriminalitätsraten. Seither diente gerade Long Beach als bevorzugtes sozialwissenschaftliches Studienobjekt für die Wirkung von Schuluniformen. Die Zahlen sind klar: Die Zahl geschwänzter Schulstunden sank um 47 Prozent, Fälle von Vandalismus in Schulen gingen um siebzig Prozent zurück, Tätlichkeiten und Mobbing unter Schülern um 85 Prozent und Schulverweise um neunzig Prozent. Sogar die Zahl sexueller Übergriffe sank um über neunzig Prozent. Soziologen erklären das damit, dass Schuluniformen grundsätzlich den wechselseitigen Respekt erhöhen und ein allgemeines Klima von Pflichtbewusstsein, Anstand und Disziplin fördern. Vergleichbare Studien in Virginia, vor wenigen Wochen vom amerikanischen Bildungsministerium veröffentlicht, haben die Zahlen im Großen und Ganzen bestätigt. Weil die Studienergebnisse so überzeugend sind, ist die Zahl der öffentlichen Schulen mit Schuluniform in den vergangenen zehn Jahren in den Vereinigten Staaten um die Hälfte gestiegen.

Es sind heute neben den teuren amerikanischen Privatschulen, die meistens zwischen 20.000 und 40.000 Dollar Schulgebühren im Jahr kosten (aber durch Stipendien auch eine große Zahl von Kindern ärmerer Familien aufnehmen) gerade die öffentlichen Schulen in den Gettos und Problemvierteln, die auf Schuluniformen setzen. Zudem haben in vielen großen Städten wie Philadelphia, Chicago und New Orleans praktisch alle öffentlichen Schulen eine eigene Uniform, um erst gar nicht den Eindruck entstehen zu lassen, es gebe bessere und schlechtere Bildungseinrichtungen. Vielmehr soll der Gemeinschaftsgedanke an jeder einzelnen Schule gefördert werden.

Hinzu kommt, dass die meisten Schulen, die auf Uniformen verzichten, stattdessen einen strengen Dresscode haben. Das gilt heute für etwa sechzig Prozent aller amerikanischen Schulen, die Zahl ist in den vergangenen Jahren ständig gestiegen. Was genau der Dresscode vorschreibt, variiert. Aber amerikanische Lehrer und Schuldirektoren haben keine Hemmungen, klare Vorschriften zu erlassen und durchzusetzen. Oft sind Flip-Flops und Sandalen verboten, hängende Ohrringe, Piercings, Lippenstift und sichtbare Tätowierungen, außerdem hängende Hosen, schulterfreie Tops, zu kurze Hosen und Röcke. (Faustregel für die Rocklänge: Sie muss länger sein als die Fingerspitzen der herabhängenden Hände im Stehen.) Schließlich gehört zum Dresscode fast immer ein Verbot von Kleidung mit politischen oder religiösen Slogans. Mützen mit der Aufschrift „Make America Great Again“ sind ebenso verboten wie T-Shirts mit dem Slogan „Trump is not my President“.

Übrigens gilt ein Dresscode in der einen oder anderen Form auch für die Lehrer. Typisch deutscher Schlabberlook aus verwaschenen Blue Jeans und T-Shirt wäre an den allermeisten amerikanischen Schulen undenkbar. Wo von den Schülern Oberhemd und Krawatte und von den Schülerinnen Rock oder Kleid verlangt wird, erwartet man von den Lehrern und Lehrerinnen nicht weniger.

Unterbrochen wird all das von den gelegentlichen „Dress Down Days“, etwa einmal im Quartal, oft als Spendenaktion organisiert: Wer einen Dollar in die Klassenkasse oder für ein Projekt spendet, muss an diesem Tag keine Schuluniform tragen, sondern darf in selbst ausgesuchten Klamotten kommen. An jedem dieser Tage ist die Freude groß, aber die Rückkehr zum Alltag in Schuluniform am Tag darauf selbstverständlich, zumal die Kinder kreativ sind, wenn es darum geht, die winzigen Gestaltungsspielräume auszunutzen, die Dresscode und Uniform lassen, etwa mit Haarspangen, Ketten, Ringen, Socken und Schuhen. Der Vorwurf, die Uniform unterdrücke die Entfaltung der Persönlichkeit, ist kaum ernst zu nehmen. Die klügsten und kreativsten amerikanischen Köpfe von Hillary Clinton und Barack Obama bis zu Steve Jobs und Mark Zuckerberg haben alle mal Schuluniform getragen.

Das vielleicht stärkste Argument für die Schuluniform ist aber gerade dies: Es liegt ein Schuss Gleichmacherei darin. Migrantenkinder und Kinder aus Minderheiten, die durch Hautfarbe, Religion, Sprache oder kulturelle Eigenheiten auffallen, haben durch die Schuluniform vom ersten Tag an das Gefühl, voll und ganz dazuzugehören. Was aus großer Entfernung so elitär aussieht, ist in Wirklichkeit ein Programm des sozialen Ausgleichs und der kulturellen Integration. Beides würde auch Deutschland guttun.

Das heißt nicht, dass es keine Kritiker gäbe. Im Gegenteil, irgendwo in den Vereinigten Staaten macht immer gerade ein Streit um Schuluniformen Schlagzeilen, und vor irgendeinem Gericht wird immer gerade verhandelt, ob diese oder jene Vorschrift zu weit geht, mit welchen Methoden die Kleidervorschrift durchgesetzt werden darf, ob Zuwiderhandlungen die Entlassung von der Schule rechtfertigen und ob Kinder, die ihr natürliches Geschlecht ändern wollen (oder schon geändert haben), zu der einen oder anderen Uniform gezwungen werden können. Da die Gesetze in jedem der fünfzig Bundesstaaten anders sind und die Schulpolitik fast überall in lokalen Bezirken reguliert wird, hört der Streit nie auf und mit ihm die Flut sich widersprechender Urteile. Dennoch sind die Kritiker eine Minderheit. Die Meinungsverschiedenheiten haben auch nichts mit links und rechts zu tun. Selbst in liberalen Städten wie Boston haben die meisten öffentlichen Schulen Uniformen. Die Grenzen verlaufen nicht zwischen Konservativen und Liberalen, eher zwischen Lehrern und Eltern auf der einen und Schülern auf der anderen Seite.

Lehrer sind etwa zu neunzig Prozent vom Sinn der Schuluniform überzeugt, Eltern je nach Umfrage zu zwischen fünfzig und siebzig Prozent Die Schülerschaft ist gespalten. Vor allem ältere Teenager sind mehrheitlich dagegen, jedenfalls an den gemischten Schulen, an denen es auch eine Rolle spielt, dem anderen Geschlecht zu gefallen. An reinen Jungen- und reinen Mädchenschulen dagegen (in Amerika immerhin zusammen 800 öffentliche Schulen und ein großer Teil der Privatschulen) spielt das Argument keine Rolle. Vielleicht ist es auch einfach zu viel verlangt, von Schülern Begeisterung für die Uniform zu erwarten. Geht es um Hausaufgaben und Klassenarbeiten, lässt schließlich auch niemand die Schüler darüber abstimmen.

Bleibt die Frage: Wer bezahlt eigentlich für die Schuluniform? Tatsächlich entstehen durchschnittlich etwa 250 Dollar Kosten im Schuljahr, und die Branche setzt in Amerika etwa 1,3 Milliarden Dollar im Jahr um. Familien, die Mühe haben, die Kosten zu stemmen, erhalten aber fast überall finanzielle Unterstützung. Zudem regelt sich vieles einfach dadurch, dass gebrauchte Teile der Schuluniformen auf Tauschbörsen weiterverkauft werden.

Zu guter Letzt: Dass das alles nicht nur ein journalistisches Rechercheergebnis, sondern auch persönliche Erfahrung ist, soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden. Der Autor ist befangen. Unsere Kinder besuchen seit dem vergangenen Jahr wieder, wie früher schon einmal, amerikanische Schulen in Washington. Die Mädchen tragen ein kariertes Kleid und für den Sportunterricht kurze Hose und weißes Poloshirt mit dem Schulwappen. Für den Jungen gilt ein Dresscode, der Hemd, Krawatte und Blazer nach freier Wahl verlangt, aber Turnschuhe, alberne Socken und einiges mehr verbietet. Die familieninterne Umfrage zeigt eine einstimmige Befürwortung von Schuluniformen – sowohl auf Seiten der Kinder als auch der der Eltern. Auch wenn die Stichprobe zugegebenermaßen etwas klein geraten ist, ist das Ergebnis wohl doch nicht untypisch. Die wichtigsten Argumente der Kinder: Stolz darauf, zur Schulgemeinschaft zu gehören, und keine Eifersüchteleien um die Klamotten. Und der Eltern: Es gibt morgens überhaupt keine Diskussion darüber, was heute angezogen wird.

 

P.S.

Markus Günther hat im Februar sein Roman-Debüt mit dem Titel „Weiß“ vorgelegt (ISBN 9783038200437 / 20,00 €)

In den Medien ist es u.a. hier besprochen worden:

https://swrmediathek.de/player.htm?show=fcf20820-46b3-11e7-9fa5-005056a12b4c

♦https://denkzeiten.com/2017/06/10/markus-guenther-weiss-rezension/