Ex-HHG-Schülerin arbeitet im Friedensdorf Oberhausen

Maria Tinnefeld war noch nicht auf der Welt, als das Friedensdorf Oberhausen gegründet wurde. Heute arbeitet die Bottroperin da: Extrem sinnvoll.

„Wann nach Hause? Wann nach Hause?“ Der kleine dunkelhäutige Junge bestürmt Maria Tinnefeld beim Gang durch das Friedensdorf Oberhausen. „Es dauert noch“, erklärt sie ihm. „Erst wenn du ganz gesund bist, kommt das Flugzeug.“ Der Junge ist einer von vielen kleinen Patienten, die nach schweren Krankheiten oder Operationen im Friedensdorf gesund gepflegt werden. „Fünf?“, fragt er nochmal und streckt fünf Finger hoch. „Nein, noch länger“, sagt ihm Maria Tinnefeld.

Seit zehn Jahren arbeitet die Bottroperin im Friedensdorf, das vor 50 Jahren gegründet wurde, lange bevor sie selber das Licht der Welt erblickte. Gegründet wurde es von Oberhausener Bürgern, die Verantwortung übernehmen wollten für Kinder aus Kriegsgebieten und damals an ein Provisorium und vorübergehende Hilfe dachten. Die Einrichtung besteht bis heute und wird weiter dringend gebraucht. Anfang des Jahrtausends wurde die Anlage komplett saniert und teils neu gebaut.

Nach dem Abitur als Praktikantin angefangen

Damals war auch Maria Tinnefeld schon dabei. 1999 hat sie am Heinrich-Heine-Gymnasium ihr Abitur gemacht und nach einem Praktikumsplatz gesucht. Sie dachte an ein Kinderheim und bekam von einer Freundin den Tipp: Friedensdorf Oberhausen. „Das kannte ich bis dahin gar nicht, obwohl es ja nur zehn Kilometer von Bottrop entfernt ist. Als ich hier ankam, war da eine bunte Traube von Kindern“, erinnert sich die heute 36-Jährige.

Drei Monate wollte sie damals eigentlich bleiben. „Ich habe drei Mal verlängert.“ Schon als Praktikantin konnte sie 2000 mit auf einen Auslandseinsatz, drei Tage Angola, um Kinder von dort nach Deutschland zu bringen. Damals hat es sie gepackt.

Sozialpädagogik studiert

Sie hat dann Sozialpädagogik studiert und den Schwerpunkt auf interkulturelle pädagogische Friedenserziehung gelegt. Nach dem Studium hat sie direkt in Oberhausen angefangen. „Hier findet sich die ganze Weltgeschichte wieder“, sagt sie. Die Folgen von Kriegen, Not und Elend sind bis ins Friedensdorf zu spüren. Sie macht Auslandseinsätze und Organisation und ist seit dem Sommer auch Sprecherin des Friedensdorfes.

300 Kinder aus acht Ländern werden betreut, die eine Hälfte im Dorf, die andere in Krankenhäusern. Bei der Gründung im Juli 1967 wollten die Initiatoren Kindern aus dem Nahen Osten und Israel helfen. Die Hilfe wurde nicht gebraucht, weil der Krieg nach sechs Tagen zu Ende ging.

Die ersten Kinder kamen 1967 aus Vietnam

Die Geschichte des Friedensdorfes beginnt so eigentlich mit der Behandlung von Kindern während des Vietnamkrieges, im Dezember 1967 kamen die ersten. Schon damals war der Plan, dass die Kinder nach der Behandlung in ihre Heimat zurückkehren. Bis heute hat das Friedensdorf enge Kontakte zu Vietnam, auch wenn es hier keine Einzelfallhilfe mehr gibt.

Die ist derzeit vor allem in Afghanistan und Angola notwendig. Die Kinder werden den Helfern vor Ort von ihren Eltern gebracht und mit nach Deutschland genommen, wenn ihre Verletzungen, Infektionen, angeborene Fehlstellungen und Krankheiten wegen der unzureichenden medizinischen Versorgung in ihrer Heimat nicht behandelt werden können.

Krankenhäuser in ganz Deutschland versorgen die Kinder kostenlos. Eines davon ist das Marienhospital in Bottrop, das Kinder in die Kinderklinik und die Orthopädie aufnimmt. „Das ist ein ganz großer Gewinn für uns“, freut sich Maria Tinnefeld.

Kinder werden gesund gepflegt

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus werden sie im Friedensdorf gesund gepflegt, erhalten Therapien, Prothesen und Medikamente. Mit Medizin und Hilfsmitteln werden sie bei Bedarf auch nach ihrem Rückflug weiter kostenlos versorgt. Manche bleiben ihr Leben lang darauf angewiesen.

Im Schnitt bleiben die Kinder sechs Monate in Deutschland, berichtet Maria Tinnefeld. „Sie wollen unbedingt wieder wieder nach Hause“, ungeachtet aller Not und Armut. Und so wird sie mit Fragen bestürmt, wenn sie durch Dorf läuft: „Wann nach Hause?“ Bald.

DAS FRIEDENSDORF BRAUCHT SPENDEN

Aus drei Säulen besteht die arbeit des Friedensdorfes Oberhausen: Die größte ist immer noch die Einzelfallhilfe für verletzte und kranke Kinder in Deutschland, die aber immer schwieriger wird, weil sich der Kostendruck der Krankenhäuser auswirkt. Zweite Säule die Arbeit vor Ort, wo beispielsweise Basisgesundheitsstationen aufgebaut werden. Dritter Bereich ist die Bildungsarbeit mit Kinder- und Jugendgruppen, die das Friedensdorf besuchen.

Das Friedensdorf finanziert seine Arbeit durch Spenden und Mitgliedsbeiträge. Gut fünf bis sechs Millionen Euro müssen jährlich aufgebracht werden. Spenden sind möglich bei der Sparkasse Oberhausen auf das Konto IBAN: DE59 3655 0000 0000 1024 00. Weitere Informationen auf: www.friedensdorf.de

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Maria Tinnefeld mit einigen Kindern im riesigen Speisesaal des Friedensdorfes Oberhausen.

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Beim Gang durch Friedensdorf wird Maria Tinnefeld von den Kindern bestürmt.
Fotos: Heinrich Jung

WAZ vom 19.1.2017