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50 Jahre Abitur: Absolventen treffen sich

Fast genau 50 Jahre nach ihren Abiturprüfungen haben sich die Schüler des früheren Jungengymnasiums (neusprachlicher Zweig) wieder getroffen. Am 11. und 12. Juni 1969 hatten sie ihr Abitur abgelegt. Jetzt sah sich ein Teil am Overbeckshof wieder, wo damals die Abiturfeier stattgefunden hatte. Anschließend ging es zur Führung durch das frühere Jungengymnasium, dem heutigen Kulturzentrum Augsut-Everding.
v.l. Theo Schmidt, Rainer Nozinski, Peter Pieper, Norbert Thiemann, Michael Oellig, Bertold Braun, Jürgen Wehner, Rainer Hürter (auf dem Bild fehlen: Peter Döbber und Hans-Jürgen Wölz / leider verstorben sind: Bernhard Becker, Wolfgang Gorris und Werner Schlachta)

Quelle: WAZ Bottrop, 26.06.2019

Zweimal – 50 Jahre Abitur

Zwölf Altsprachler feiern 50 Jahre Abitur

Ihren Abschluss machten die Herren im Jahr 1969 am ehemaligen Jungengymnasium. Von dort aus ging es in die Berufswelt. Am bekanntesten aus ihrem Kreis wurde Berthold Possemeyer als Opernsänger

50 JAHRE NACH DEM ABI (V. I.): PETER HICKL, FRANZ-JOSEF WIECHERS, PROF. BERTHOLD POSSEMEYER, DR. REINHARD FLOSSDORF, DR. HANS-JOACHIM STRATMANN, BERNHARD JANERT, ULRICH VIETZ, MANFRED KRÄMER, DR. NORBERT JOHANNES INGLER

50 Jahre nach dem Tag ihrer Abiturfeier 1969 trafen sich jetzt zwölf Schüler der altsprachlichen Oberprima vor dem massiven Eingangsportal des ehemaligen Jungengymnasiums, dem heutigen August-Everding-Kulturzentrum, in der Blumenstraße wieder.

Sechs weitere Ehemalige waren verhindert oder erkrankt, berichtet Dr. Norbert Johannes Ingler. Fünf Klassenmitglieder sind inzwischen verstorben. Organisiert hatten das Jubiläumstreffen Joachim Stratmann aus Köln und der Bottroper Bernhard Janert.

Latein und Altgriechisch gelernt

Die ehemaligen „Altsprachler“, die so genannt wurden, weil sie auf neun Jahre Latein- und sechs Jahre Altgriechisch-Unterricht zurückblicken konnten, schwelgten nicht nur in Erinnerungen an ihre Schulzeit mit besonderen Lehrerpersönlichkeiten.

Sie erinnerten sich auch gern an die Klassenfahrt in der Mittelstufe zur Jugendherberge der Burg Altena mit Besuch der Tropfsteinhöhle Attendorn. Und an die Rom-Studienfahrt in der Oberprima mit der Unterbringung in einem katholischen Schwesternhaus auf dem Hügel Gianicolo oberhalb des römischen Stadtteils Trastevere.

Nach dem Abi ins Studium

„Fast alle Mitglieder der Klasse ergriffen nach dem Abitur sowie der Bundeswehrzeit beziehungsweise dem damaligen Ersatzdienst ein Studium, bevorzugt Medizin sowie das Lehramtsstudium an den unterschiedlichen Schulformen“, so Ingler. Und er schildert Karrieren im Detail: Der ehemalige Klassensprecher Joachim Stratmann absolvierte demnach zwei medizinische Studiengänge und war unter anderem Dozent an der Uni Köln. Ulrich Fietz arbeitete bis zur Pensionierung als Vorstand beim TÜV Rheinland. Dr. Norbert Johannes Ingler selbst leitete viele Jahre das Gymnasium Lünen-Atlünen.

Den Fächern Latein und Altgriechisch treu blieb Wolfgang Basista als Gymnasiallehrer. Die größte Karriere machte Berthold Possemeyer, der Schul- und Kirchenmusik, Dirigieren und Musikwissenschaft sowie Gesang studierte. Possemeyer, der noch heute in Ensembles auftritt, wurde in Frankfurt am Main Musik-Professor, erhielt viele Preise bei Gesangswettbewerben und eroberte als Opern- und Konzertsänger die großen Bühnen der Welt.

Die Bühnen der Welt erobert

Berthold Possemeyer ging vor 50 Jahren als letzter in die mündliche Abiturprüfung, schildert Ingler: Er bestach dort mit Klavierspiel und Interpretation eines Musikstücks und erfreute das damalige Lehrerkollegium, in dem nur wenige Frauen waren, zum Abschluss des Prüfungstags.

Denn die mündlichen Prüfungen im Jahr 1969 fanden noch in „Anzug, Schlips und Kragen“ vor dem gesamten Lehrerkollegium statt. Allerdings erlaubte Klassenlehrer Hamann wegen der Hitze am Prüfungstag, dass der Schlips abgenommen werden konnte. Die Abiturfeier fand übrigens dann im Overbeckshof und im ehemaligen Kolpinghaus statt.

Einige der Ehemaligen wohnen und arbeiteten heute noch in Bottrop und Umgebung, die meisten zumindest in Nordrhein-Westfalen.

Quelle: WAZ vom 19.6.2019

 

50 Jahre ABI – auch die ehemalige OIns2 erinnert sich

Aus gleichem Anlass trafen sich die Neusprachler am Ort der Zeugnisübergabe – im Overbeckshof.

v.l. Theo Schmidt, Rainer Nozinski, Peter Pieper, Norbert Thiemann, Michael Oellig, Bertold Braun, Jürgen Wehner, Rainer Hürter (auf dem Bild fehlen: Peter Döbber und Hans-Jürgen Wölz / leider verstorben sind: Bernhard Becker, Wolfgang Gorris und Werner Schlachta)
Im ehemaligen Klassenraum – dem heutigen Stadtarchiv

Im September treffen sich die Jubilare und ihre Frauen zum wiederholten Male in Arnsberg bei ihrem ehemaligen 93-jährigen Klassenlehrer Klaus Kayser.

Ex-HHGler – Ein Professor  aus  Bottrop für Bottrop

Dr. Jens Watenphul ist der neue Stiftungsprofessor an der Hochschule Ruhr West. Er zeigt, wie Klimaschutz-Themen an den Mann und die Frau gebracht werden

Als Jens Watenphul vor 30 Jahren sein Abitur am Heinrich-Heine-Gymnasium machte, war als Studienstandort Essen gesetzt. Dass es einmal eine Hochschule in Bottrop geben könnte? Damals ein Gedanke praktisch jenseits jeder Vorstellung.

Prof. Dr. Jens Watenphul lehrt als Bottroper nun an der Hochschule Ruhr West. Zusätzlich leitet er eine Kommunikationsagentur.  (Foto: Joachim Kleine-Büning)

Doch inzwischen ist sie nicht nur da, die Hochschule Ruhr West, sondern in den zehn Jahren ihres Bestehens auch etabliert. Und Watenphul, heute Doktor der Kommunikationswissenschaften und Agentur-Inhaber, lehrt jetzt als Professor in seiner Heimatstadt.

Der 49-Jährige, der als Kommunikationsprofi auch schon die Innovation-City-Bewerbung Bottrops erfolgreich begleitet hat, hat jüngst die Stiftungsprofessur „Kommunikationsprozesse und Handlungsauslösungen beim Klima- und Ressourcenschutz“ erhalten. Dabei soll es darum gehen, wie diese Zukunftsthemen kommuniziert und in die breite Umsetzung getragen werden können.

Watenphul will den Studierenden unter anderem näher bringen, dass es später nicht nur darum gehen wird, als Ingenieure Energieeffizienz zu planen oder Innovationen zu entwickeln. „Sie werden das auch vermarkten müssen.“ Dazu helfe es zu wissen, wie kommunale Verwaltungen ticken, wie man Themen an Kunden heranträgt, wie man Bürger mit Klimaschutz-Inhalten ansprechen kann und Vermeidungsverhalten positiv überwindet. „Die Leute rechnen. Es hilft, wenn sie bei einer Maßnahme mehr sehen als nur den Nutzen für den viel zitierten Eisbären.“

Praktische Erfahrungen

In all diesen Bereichen hat der gelernte Redakteur Watenphul, Chef der Kommunikationsagentur Corporate Values, in den vergangenen Jahren praktische Erfahrungen gesammelt. Ehrenamtlich arbeitete er für NGOs (Nichtregierungsorganisationen), war drei Jahre Campaigner bei Greenpeace in Hamburg.

„Da habe ich viel darüber gelernt, was Bürger zwar alles gut finden, aber noch lange nicht machen.“ Er hat berufsbegleitend promoviert, Energieversorger und Konzerne beraten und gerade zum Beispiel für Düsseldorf eine Klimakampagne geplant.

Die ersten Reaktionen der Studierenden auf seine Themen stimmen ihn positiv. „Es sind sehr engagierte Kurse mit einer hohen Präsenz.“ Die jungen Leute seien ambitioniert, hätten etwa im Kurs zu Nachhaltigkeitsthemen clevere Ideen dazu entwickelt, wie sie im Umfeld durch technisches Know-How Verbesserungen herbeiführen könnten.

Watenphul nennt ein Beispiel: „Es gab die Idee, an der HRW Laptops zu reparieren, damit sie länger schnell laufen.“ Und nicht alle zwei Jahre schon wieder ausgetauscht werden. „Damit sparen sie Geld, lernen etwas, verwenden die Technik länger, vermeiden Müll.“

Anderes Beispiel: Studierende entwickeln im Sparring Ideen, wie man E-Mobilität mit Laternen verknüpft – und das verkaufen kann. „Man muss auch lernen, dass es viele finanzielle Grenzen gibt“, weiß Watenphul aus Erfahrung.

Gelehrt habe er immer schon gerne, unter anderem als Studienleiter an der Deutschen Fundraising-Akademie. „Es war immer mein Ziel, an einer Hochschule lehren zu können“, verrät der Familienvater, dessen Stelle an der HRW es ihm ermöglicht, seine Kommunikationsagentur weiter zu führen.

Er schätzt es, an der HRW einen Pool an Wissen zu haben. „Man kann mit dem akademischen Zusammenhang auch etwas bewegen – und die Hochschule will etwas bewegen.“ Er betont den offenen Austausch, das Weitertragen von Ideen. Grundsätzlich hält er den Campus für Bottrop für hilfreich in der Zeit des Strukturwandels nach dem Bergbauende. „In der Stadt hat sich schon einiges getan, auch durch die Hochschule.“

Quelle: Nina Stratmann WAZ Bottrop vom 21.5.2019

Ex-HHG-Lehrer zum „Friedensprojekt Europa“

Der ehemalige HHG-Lehrer Klaus Kayser (92) sprach auf dem Friedensprojekt am „Monday for Europe“ (6.Mai) die einleitenden Worte zu einer Podiumsdiskussion mit Europa-Spitzenkandidaten zur EU-Wahl am 26. Mai.

Als Kriegsteilnehmer berichtete er als authentischer Augenzeuge über das fremdbestimmte Leben als Jugendlicher und Soldat in der NS-Zeit und über die Wohltat, als das Grundgesetz der jungen Bundesrepublik in Kraft trat und endlich selbstbestimmtes Leben erlaubte.


Als Zeitzeuge eingeladen, bin ich heute in der festen Überzeugung hier hergekommen, dass die Erinnerung an die Zeit vor 1945 mitbewirkt hat, seit 74 Jahren in einer Friedenszeit zu leben. Das Grundgesetz und politische Rahmenbedingungen der Bundesrepublik Deutschland haben mir seitdem ermöglicht, mein Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Vor 1945 lebte ich in einer Welt, ausgenommen mein Elternhaus, in der Gehorsam, Gehorchen erste Christen- und Bürgerpflicht zu sein schienen. Bei der Wehrmacht erfuhr ich, Denken den Pferden zu überlassen. Sie hätten größere Köpfe. Als Soldat musste ich 1944 dem Führer und Kanzler des Deutschen Reiches, Adolf Hitler, schwören, ihm unbedingten Gehorsam zu leisten. Ich durfte nicht erwachsen werden, aber ab meinem 16. Lebensjahr Kanonenfutter sein für eine Welt, die ich nicht wollte. Für die Verweigerung dieses Eides haben Menschen ihren Tod hingenommen.

Anfang Mai 1945 kam ich nach einem turbulenten Rückzug, der in Oppenheim am Rhein begonnen hatte, am Schliersee in Bayern an, Mitglied einer sich auflösenden Truppe.

Unterwegs ständig aus der Luft von Tieffliegern angegriffen, waren wir am Boden der Übermacht der amerikanischen Panzer ausgesetzt.

Wir begegneten auf diesem Rückzug einer endlosen Kolonne von Häftlingen aus einem Konzentrationslager. Sie mussten sich, bewacht von SS-Soldaten, am Straßenrand in ihrer gestreiften Lagerkleidung, vom Regen durchnässt, mit Holzpantinen an den Füßen, in noch winterlicher Kälte durch den Matsch quälen, vermutlich ihrer Ermordung entgegen.

Eine andere in meinem Gedächtnis fest verankerte Situation erlebte ich, als wir, ein Trupp von wenigen Soldaten, nur mit Panzerfäusten bewaffnet, in der Nähe von Landsberg am Lech angesichts zahlreicher heranrollender Panzer unsere Stellung aufgeben mussten. Es gelang uns per beschlagnahmter Fahrräder, die Kettengeräusche der Panzer im Ohr,  entlang des Ammersees, Abstand zu gewinnen. Wir kehrten total erschöpft bei Weilheim in einer am Wege liegenden Kneipe ein, erhielten zu Trinken und aßen von unserer Marschverpflegung. Plötzlich öffnete sich die Kneipentür und zwei Männer, vorschriftsmäßig uniformiert, mit Stahlhelmen auf dem Kopf und einem Schild auf der Brust, mit einer Kette um den Hals befestigt, bewaffnet mit Maschinenpistolen: „Kettenhunde“, sprich Feldgendarmerie. Mit knarrender Stimmte rief einer der beiden Männer in den Raum: „Marschpapiere!“ Wir hatten keine. Wer hätte sie uns auch ausstellen können? Für die Feldgendarme waren wir jetzt Deserteure und gehörten vor ein Standgericht, dessen Urteil schon im vorhinein feststand. In meiner Not habe ich sie angeschrien und aufgefordert, ihren Kopf doch nochmal nach draußen zu stecken, dann könnten sie Kettengeräusche der sich nähernden amerikanischen Panzer hören. Sie taten es, stiegen anschließend auf ihr Motorrad bzw. in den Beiwagen und wurden nicht mehr gesehen.

Am Schliersee war zwar der Krieg für uns zu Ende, aber befreit fühlten wir uns noch nicht. Niemand war da, der uns gesagt oder befohlen hätte, was in dieser Situation zu tun sei. Zu Dritt verbrannten wir schließlich unsere Uniformen und übergaben auch die total verlauste Unterwäsche dem Feuer. Im Tausch gegen ein intaktes Radio zeigte sich eine Bäuerin bereit, uns aus dem Fundus ihres Mannes Zivilkleidung zu überlassen.

Noch war die Front vor uns. Wir wollten uns zunächst im Wald verstecken, um uns von der Front überrollen zu lassen. Wir erinnerten uns aber bald schon, dass wir in Zivilkleidung nicht mehr als Soldaten, sondern als Partisanen eingeschätzt würden, für die die Haager Landkriegsverordnung von 1907 nicht galt. Wir kehrten auf die Straße zurück. Als wir die ersten Amerikaner erkennen konnten, hoben wir die Arme und gingen langsam auf sie zu. Es gelang mir, einer Kriegsgefangenschaft zu entgehen.

Ich plagte mich tagsüber zu Fuß von Holzkirchen aus auf der Autobahn nach München, durch München hindurch, an Augsburg vorbei. Schließlich kam ich in die Nähe von Ulm. In Heidenheim lebten, wie mir spontan einfiel, Freunde meiner Eltern. Nach vielem Herumfragen fand ich schließlich ihre Wohnung. Sie stellten mir am nächsten Tag, wenn auch schweren Herzens, ihr Familien-Fahrrad zur Verfügung, mit dem ich von Heidenheim aus auf verschlungenen Wegen schließlich in Arnsberg landete. Im Café Schmidt am Gutenbergplatz, eine Tochter aus dem Hause arbeitete in der Apotheke meines Vaters, erfuhr ich, dass meine Eltern Bomben und Kriegsende heil überstanden hätten. Mein Elternhaus wäre aber noch von den Amerikanern besetzt. Ich stieg auf das Fahrrad, fuhr über den Bockstall nach Breitenbruch, passierte die Möhnetalsperre, ließ Soest rechts liegen und war schließlich am Freitag vor Pfingsten wieder zuhause. Im Gepäck nur noch: nie wieder Krieg.

 

Lassen Sie mich abschließend folgendes Erlebnis in der Jetztzeit erzählen:

Am Karfreitag dieses Jahres bin ich allein den Arnsberger Kreuzweg gegangen, auch in Gedanken über das, was ich heute zur Einleitung dieser Veranstaltung sagen wollte. Oben auf dem Kreuzberg angekommen, sah ich Helfer das diesjährige Osterfeuer vorbereiten. Auf einer Bank ruhten sich ein älterer und ein jüngerer Mann offensichtlich von getaner Arbeit aus. Ich bekam während einer kurzen Rast von ihrem Gespräch mit, dass der Ältere dem Jüngeren erklären wollte, was er von den Demonstrationen 15-/16-Jähriger zum Klimawandel hielt. Insbesondere die Verwendung der Unterrichtszeit machte für ihn das Ganze fragwürdig: Schulschwänzer. Ich mischte mich ungefragt ein. Wir verständigten uns schließlich darauf, dass zumindest das Pauschalurteil unangebracht war. Der Ältere fügte abschließend hinzu, der Protest käme zu spät und habe daher keinen Zweck.

Ich denke, wir können dieses „zu spät“ für die noch nicht Wahlberechtigten und auch für uns nicht gelten lassen.

Mich erinnerte dieses Erlebnis an den 24. März 1933, als mit den Stimmen des Zentrums das Ermächtigungsgesetz im Reichstag verabschiedet wurde. Es hob die Gewaltenteilung auf und eröffnete damit Hitler den Auf- und Ausbau seiner Diktatur, deren Zielsetzung man mindestens seit 1925 kennen konnte.

Dieser Beginn des „zu spät“ wurde für viele die Rechtfertigung der Übernahme einer Zuschauerrolle in der Folgezeit. 12 Jahre alt, erlebte ich den 9. November 1938, die sogenannte „Reichskristallnacht“. In Hamm brannte die Synagoge, man schaute zu oder verdrückte sich.

Gleiches ereignete sich, als das Delikatessengeschäft eines jüdischen Inhabers geplündert wurde. Man schaute weg, beteiligte sich sogar oder zog sich diskret zurück.

 

Wir sind am 26. Mai bei der Europawahl aufgerufen, wieder unsere politische Verantwortung für uns und die Nachkommenden wahrzunehmen.

Ein einiges und dadurch starkes Europa wird mittlerweile für die Erhaltung der Welt gebraucht, die wir uns für unsere Kinder und Enkel wünschen.

Ich hoffe, bei deren möglicher Nachfrage bezüglich der Wahrnehmung unserer Verantwortung für die Welt, in der sie leben müssen, eine andere Antwort parat zu haben, als meine Großeltern- und Eltern-Generation – wenn sie denn überhaupt eine hatten.

 

Klaus Kayser (*1.6.1926) unterrichtete am früheren Jungengymnasium [heute HHG] in Bottrop Religion und Geschichte. 1972 nahm er das Angebot an, in Arnsberg Schulleiter am Gymnasium Laurentianum zu werden. Nach seiner Pensionierung 1990 half er beim Aufbau des Norbertusgymnasiums in kirchlicher Trägerschaft in Magdeburg – und auch beim Aufbau des Gymnasiums Jena stand Klaus Kayser beratend zur Seite. Seine Gedanken und Erlebnisse fasste er in einem Buch zusammen, das 2015 unter dem Titel „1944 – Ein Jahr für ein ganzes Leben“ erschienen ist.


siehe auch frühere Berichte:

➣  https://hhg-bottrop.de/schueleraustausch-beginnt-mit-hhg/

➣  https://hhg-bottrop.de/ein-wiedersehen-nach-fuenfzig-jahren/

➣  https://hhg-bottrop.de/ex-schueler-besuchen-alten-lehrer/

 

Ex-HHG-Abiturient (1989) neuer Stiftungsprofessor der Hochschule RuhrWest

Prof. Dr. Jens Watenphul wird neuer Stiftungsprofessor der HRW

Eine Hochschule hat Bottrop mit der HRW schon länger, nun hat sie mit Prof. Dr. Jens Watenphul auch ein Kind der Stadt, das dort unterrichtet.

Im Juni 2018 hatte sich Dr. Jens Watenphul auf die Ingenum Stiftungsprofessur an der Hochschule Ruhr West (HRW) für Kommunikation mit Schwerpunkt der Handlungsauslösungen im Klima- und Ressourcenschutz beworben und sich letztlich in einem dreistufigen Wettbewerb gegen Bewerber aus ganz Deutschland durchsetzen können.

Neben seinen fachlichen Qualifikationen als Kommunikationswissenschaftler und Marketingmanager halfen ihm vor allem die mehr als 15-jährigen überregionalen und internationalen Erfahrungen als Kampagnenplaner mit dem Schwerpunkt Klimaschutz und humanitäre Hilfe unter anderem für Ministerien, für Greenpeace, World Vision, für die Landeshauptstadt Düsseldorf, Kommunen und Konzerne in Deutschland, Europa und darüber hinaus. Lehrerfahrungen sammelte er als Studienleiter für Akademien und Universitäten in Frankfurt, Hamburg, Berlin und Düsseldorf ebenso und als Workshopleiter für Stiftungen, Ministerien und Universitäten in Deutschland und international – angefangen an der VHS Bottrop.

So hat er unter anderem Marketingverstärker selbst entwickelt und patentiert und TÜV zertifizieren lassen und für Unternehmen in Deutschland, Kanada, der Schweiz und den Niederlanden eingesetzt. Seine Tätigkeit bringt ihn von seiner Heimatstadt Bottrop aus regelmäßig nach Berlin oder Frankfurt ebenso ergeben sich durch seine Spezialisierung auf Klimaschutz und Direktmarketing Stationen in Wien, Washington, St. Peterburg, Beirut. So wurden von Bottrop aus Video- und TV-Produktionen für Greenpeace und World Vision ebenso entworfen wie Multichannelkampagnen für nachhaltige Energieversorger und innovative Baustoffe ebenso wie der seinerzeit erfolgreiche Wettbewerbsbeitrag der Stadt Bottrop zur Innovation City Ruhr.

Hier möchte Jens Watenphul mit seiner Professur auch gerne anknüpfen: „Die HRW bietet mit ihren zukunftsgewandten technischen und ökonomischen Themen eine dreifache Chance für eine Stadt wie Bottrop im Strukturwandel. Wir können Innovationen mit den Professoren und Studenten durch Forschungsmittel binden und ausbauen, den Wirtschaftsstandort stärken, und für junge wie alte Fachleute am Standort eine Perspektive aufbauen. Gerade auch im Nachbergbau sind Fachkräfte für umweltschonende Innovationen und Energiesysteme ein Trumpf.“

Prof. Dr. Oliver Koch (Vizepräsident für Forschung und Transfer), Dipl.-lng. Thorsten Rath
(INGENUM GmbH), Prof. Dr. Jens Watenphul, Prof. Dr. Susanne Staude (staatlich Beauftragte für die Funktion der Präsidentin), Prof. Dr. Jens Paetzold (Institutsleiter Energiewirtschaft
und Energiesysteme) sehen in dieser Kooperation eine große Chance für alle Beteiligten
 und vor allem für die Studierenden der Hochschule. (Foto: HRW / André Lössel)

Quelle: Stadtspiegel Bottrop vom 20.2.2019

siehe auch ➣ https://www.hochschule-ruhr-west.de/news/datensaetze-presse/2019/stiftungsprofessur-ingenum/

 

Ex-HHG-Schüler [Päd.-Prof.] zum Dokumentarfilm „Elternschule“

Debatte um Dokumentarfilm „Elternschule“ „Wir haben keine Alltagspädagogik als schwarze Pädagogik mehr“ / Heinz Elmar Tenorth im Gespräch mit Ute Welty / DLF 8.11.2018

Die Vorstellung von der Natur des Kindes habe sich völlig verändert, sagt der Pädagoge Heinz Elmar Tenorth. Die Zeit der „schwarzen Pädagogik“ sei lange vorbei. Er kritisierte aber die Kontrollphantasien beim Umgang von Kindern mit digitalen Medien.

Seit der Dokumentarfilm „Elternschule“ in die Kinos kam, wird über die Methoden einer Gelsenkirchener Klinik im Umgang mit ihren kleinen Patienten heiß diskutiert. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein und in unserem Programm kamen unterschiedliche Stimmen dazu zu Wort.

Der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch zeigte sich nach dem Film geschockt und sagte bei uns im Interview, er habe sich nicht vorstellen können, dass in einer deutschen Kinderklinik so verfahren werde. Er erinnerte an die Tradition der „schwarze Pädagogik“ im Umgang mit Kindern und den langjährigen Standarderziehungsratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer, der Härte im Umgang mit Kindern empfahl.

Im Alltag keine schwarze Pädagogik mehr

„Schwarze Pädagogik ist eine Praxis von Erziehung, die auf vollständige Kontrolle und Beherrschung des Kindes setzt und zwar mit allen denkbaren Mitteln, die einem Erwachsenen zu Verfügung stehen“, erläuterte der Erziehungswissenschaftler Heinz Elmar Tenorth im Deutschlandfunk Kultur dieses Erziehungskonzept. Schwarze Pädagogik sei ein weltweites Phänomen.

Die Erziehungspraktikerin Haarer habe die Ratschläge in ihrem 1934 erschienen Buch nicht erfunden, sondern stütze sich auf frühere Erziehungsratgeber, die im bürgerlichen Milieu in Deutschland schon lange vorlagen, sagte Tenorth, der bis zu seiner Emeritierung 2011 Professor für Historische Erziehungswissenschaften an der Berliner Humboldt Universität war.

„Wir haben keine Alltagspädagogik als schwarze Pädagogik mehr“, sagte er. Die Erziehung habe sich sehr verändert, vor allem weil sich die Vorstellung von der Natur des Kindes sehr verändert hätten.

Umgang mit digitalen Medien    

Beim Umgang mit digitalen Medien mahnte Tenorth zu mehr Gelassenheit:

„Medien galten immer als die gefährliche Umwelt der Erziehung. In den historischen Texten sind das die Miterzieher, vor denen sich die Eltern und die Erzieher fürchten, weil sie die nicht kontrollieren können und damit nicht den Zugang zur Welt kontrollieren können.“

Man sollte da mehr Zutrauen zu den Kindern haben.

Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Kinder, die nicht schlafen, nicht essen und ihren Eltern den letzten Nerv rauben. Der Film „Elternschule“ dokumentiert Therapien für solche Kinder, die zum Teil sehr drastisch sind. Die Diskussion darüber reißt seit dem Filmstart vor einem Monat nicht ab. Im „Studio 9“-Gespräch hat sich Psychiater Karl Heinz Brisch geäußert:

„Wir haben ja in Deutschland eine ganz lange Tradition von schwarzer Pädagogik, wo es nicht darum ging, Kinder liebevoll und feinfühlig zu behandeln, sondern es ging darum, Gehorsam, Anpassung, Unterwerfung bei Kindern zu erziehen, und das mit den Mitteln der körperlichen Züchtigung und Gewalt. Sie hatten dann das Buch von Johanna Haarer, „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, das allen Müttern in der Zeit des Nationalsozialismus an die Hand gegeben wurde. Und dass Eltern sehr schnell bereit sind, wenn jemand sagt, doch, Kinder müssen manchmal mit Härte behandelt werden, dann auf diesen Zug aufzuspringen.“

So weit Psychiater Karl Heinz Brisch im „Studio 9“-Gespräch hier in Deutschlandfunk Kultur. Inwieweit Erziehung in Deutschland unter dem Einfluss steht der sogenannten Schwarzen Pädagogik und mit einer Idee von Unterwerfung, das will ich jetzt besprechen mit dem Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth, der sich unter anderem als langjähriger Professor an der Humboldt-Universität in Berlin mit der entsprechenden Historie und Genese beschäftigt hat. Guten Morgen, Herr Tenorth!

Heinz-Elmar Tenorth: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Wie definieren Sie diese sogenannte schwarze Pädagogik?

Tenorth: Schwarze Pädagogik ist eine Praxis von Erziehung, die auf vollständige Kontrolle und Beherrschung des Kindes setzt, und zwar mit allen denkbaren Mitteln, die einem Erwachsenen zur Verfügung stehen.

Welty: Handelt es sich dabei tatsächlich um eine Entwicklung aus Deutschland, speziell aus Nazi-Deutschland?

Tenorth: Nein. Schwarze Pädagogik findet man weltweit, nicht nur immer jeweils isoliert. Es gibt parallel dazu auch immer andere. In Deutschland aber zum Beispiel Johanna Haarer, die Erziehungspraktikerin, die ihr Buch geschrieben hat, auf das Herr Brisch angespielt hat, muss ihre Praktiken und Theorien und Vorschläge nicht erfinden, sondern sie kann sich zum Beispiel auf Erziehungsratgeber stützen, die seit langem im bürgerlichen Milieu in Deutschland vorlagen und in denen Formen der Bestrafung, der Kontrolle, der Isolierung, der Unterwerfung der Kinder detailliert und ausführlich beschrieben worden waren. Sie fasst das nur noch mal neu zusammen.

Veränderte Erziehung

Welty: Was bedeutet das für den Erziehungsstil heute?

Tenorth: Man muss ganz eindeutig sagen, dass die Praktiken der Erziehung, die in der Schwarze Pädagogik dominieren, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ihre Wirkung in der Realität weitgehend verloren haben. Wir haben keine Alltagspädagogik als schwarze Pädagogik mehr. Die Erziehung hat sich sehr verändert, vor allem, weil sich unsere Vorstellungen von der Natur des Kindes sehr verändert haben, und nicht nur in der Reformliteratur, auch in der Praxis.

Selbst ein Text wie das Bürgerliche Gesetzbuch hat in dieser Zeit den Begriff der „elterlichen Gewalt“, der dort sei 1900 stand, durch den der „elterlichen Sorge“ ersetzt und einen Paragrafen aufgenommen, in dem die Eltern ausdrücklich dazu verpflichtet werden, ihre Erziehungskonzeption und die Vorstellungen von der Zukunft des Kindes gemeinsam mit dem Kind auszuhandeln, zu besprechen und zu erörtern.

Wir leben in einer anderen Welt. Schwarze Pädagogik ist nicht die dominierende Form der Erziehung, die wir in Deutschland haben – ohne, dass ich damit leugnen will, dass es ab und zu auch in Familien, auch in Familien heute Missbrauch von Kindern gibt, Unterwerfung, Unterdrückung von Kindern, Gewalt gegen Kinder.

Dritter Stil der Erziehung

Welty: Was ist denn, was die Erziehungsfragen angeht, inzwischen das probate Mittel oder die gängige Theorie? Es ist ja immer so eine Diskussion auch zwischen antiautoritärer und autoritärer Erziehung.

Tenorth: Aber dieser Gegensatz ist im Grunde überwunden. Der beherrschte in den 60er-Jahren die Übergangsphase, antiautoritär oder autoritär. Man hat im Grunde einen dritten Stil zwischen diesen beiden Polen gefunden, wobei ein anderer Pol liberal und zu laisser-faire-haft, also zu wenig orientierend ebenfalls abgelehnt wird.

Was wir heute für eine Erziehungswirklichkeit haben, kann man vielleicht mit einem paradoxen Begriff beschreiben, der sich schon bei Rousseau findet, dem französischen Erziehungstheoretiker der Aufklärung.

Für den sollte die Erziehung in einer Welt „wohlgeordneter Freiheit“ stattfinden. Und wohlgeordnete Freiheit ist doch eine Formel, die man ebenfalls in der Aufklärung schon bei Kant findet. Der hatte als Problem der Erziehung auch die paradoxe Formulierung „Wie kontrolliere ich die Freiheit bei dem Zwange?“. Für ihn war Zwang die Unterwerfung unter das Gesetz.

Aber das geht heute durch eine Atmosphäre der Zuwendung, durch symmetrische Strukturen, die verbunden sind immer auch und verbunden sein sollten mit festen und verlässlichen Regeln, auf die sich die Akteure insgesamt beziehen. Eine Form der Kommunikation, die auch Widerspruch zulässt und Widerspruch geradezu provoziert und toleriert, und eine Form des Handelns, die die Kinder mit beteiligt. Freiheit und Partizipation dominieren heute, aber das ist nicht Chaos, sondern eine innere Form der Disziplin gehört mit dazu.

Einsichtige Dreijährige

Welty: Aber wie viel Sinn macht es tatsächlich, mit einem Dreijährigen darüber diskutieren zu wollen, dass man jetzt eine Jacke anzieht bei fünf Grad.

Tenorth: Nein, man diskutiert nicht mit dem Dreijährigen lange darüber, sondern wenn er sie – ich habe Enkel, die sind in dem Alter zufällig, und erlebe das auch alltäglich –, man diskutiert nicht darüber, sondern man nimmt die Jacke unter den Arm, verlässt das Haus, und sofort will er die Jacke anziehen, weil er friert. Es ist sinnlos, Diskussionen zu führen oder mit Gewalt etwas durchzusetzen, wenn man Situationen erlebt und erfährt, in denen sich das selbst regelt.

Dreijährige sind sehr einsichtig. Die können sehr klug kommunizieren. Das Bild des Kindes, das die Kleinkindforschung uns vermittelt, ist das des schon kompetenten Säuglings und des kompetenten Kleinkindes. Das muss man vernünftig argumentieren. Das geht auch, wenn man das mit Verständnis und mit Einfühlungskraft macht, aber auch mit der festen Praxis, dass bestimmte Dinge einfach notwendig sind.

Angst vor Miterziehern

Welty: Welche Rolle spielt auch im historischen Rückblick das Stichwort Mediennutzung? Das ist ja nicht nur virulent, seitdem Spielekonsolen in die Kinderzimmer eingezogen sind.

Tenorth: Medien galten immer als die gefährliche Umwelt der Erziehung. In den historischen Texten sind das die Miterzieher, vor denen sich die Eltern und die Erzieher fürchten, weil sie die nicht kontrollieren können und damit nicht den Zugang zur Welt kontrollieren können, den die Kinder selbstständig haben.

Schon um 1800, also als die modernen Gedanken über Erziehung erstmals formuliert wurden, waren alle Pädagogen ganz ängstlich besorgt und geradezu dramatisch darüber entsetzt, was sie die „Lesesucht der Kinder“ nannten.

Als die Kinder erstmals anfangen konnten, selbst zu lesen, Texte zu lesen, haben die Pädagogen gleich befürchtet, dass sie alles Verderbliche der Welt dabei in sich aufnehmen. Und vor allem die jungen Mädchen, die die Romane lasen, waren ein Objekt der größten Sorge dieser Pädagogen. Und die haben die Lesesucht bekämpft, weil sie alles Schreckliche vermuteten, was man heute auch hören kann.

Heute nennt man das „digitale Demenz“, in den Texten des 18. Jahrhunderts ist das die Demenz, die das Lesen erzeugt, die das Rückgrat verändert, die bei Mädchen verhindert, dass sie brave und ordentliche Mütter werden. Die Angstfantasien der Pädagogen vor den Medien sind riesengroß.

Das fängt beim Lesen um 1800 an, das ist bei Texten um 1900, bei Filmen im frühen 20. Jahrhundert und bei Comics im späteren 20. Jahrhundert. Und heute sind das die Computerspiele. Pädagogen haben Kontrollfantasien, und Kontrollangst, die man ihnen offenbar nicht austreiben kann. Wenn Kinder sich selbst die Welt erobern, gilt das als gefährlich.

Pädagogische Dummheit

Welty: Ich meine, zwischen Ihren Worten herauszuhören, dass sie nicht ganz dieser Ansicht sind.

Tenorth: Nein, wenn Sie beobachten, wie souverän Kinder mit Medien umgehen und wie sehr sie sie aktiv nutzen können, auch parallel nutzen können und natürlich auch Erfahrungen machen, die den Erwachsenen nicht immer erfreuen, aber die doch auch gleichzeitig selbst merken, wenn Medien langweilig werden. Ich habe diese Ängste nicht.

Man muss das Zutrauen in die Kinder haben, mit ihnen darüber vernünftig kommunizieren, aber nicht mit Bestrafungspraktiken arbeiten. Das erzeugt gegenteilige Effekte. Und nichts ist schlimmer als gegenteilige Effekte mutwillig herbeizuführen. Das ist die größte Dummheit, die Pädagogen machen können.

Welty: Erziehung im 21. Jahrhundert, dazu der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmer Tenorth. Ich danke Ihnen herzlich!

?HIER auch nachzuhören: https://www.deutschlandfunkkultur.de/debatte-um-dokumentarfilm-elternschule-wir-haben-keine.1008.de.html?dram:article_id=432669

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Heinz-Elmar Tenorth ist emeritierter Professor für Historische Erziehungswissenschaft am Institut für Allgemeine Pädagogik der Humboldt-Universität zu Berlin. 1965 Abitur am Heinrich-Heine Gymnasium Bottrop - damals noch Städtisches Jungengymnasium. 

Ex-HHG-Schüler [Päd.-Prof.] zum Lehrerberuf

Wie der Lehrerberuf wieder attraktiver wird

Vertrauen statt Vorschriften und Sanktionen: Bildungsforscher Heinz-Elmar Tenorth fordert, dass Schulen mehr Autonomie erhalten / Beatrix Fricke / © Berliner Morgenpost 01.09.2018

 

Ist der Lehrermangel ein typisch deutsches Problem? Sind die Bedenken Quereinsteigern gegenüber gerechtfertigt? Welche Alternativen gibt es, um Engpässe im Schulsystem aufzufangen? Darüber sprachen wir mit Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth, Experte für Historische Bildungsforschung. Von 1991 bis 2011 lehrte er am erziehungswissenschaftlichen Institut der Humboldt Universität.

Herr. Prof. Tenorth, kein Tag vergeht, an dem nicht über die Personalnot an den Schulen geklagt wird. Wie konnte es überhaupt dazu kommen?

Tatsächlich ist der strukturelle Lehrermangel gravierend. In naher Zukunft werden Prognosen zufolge bundesweit 50.000 Lehrer fehlen, insbesondere an Grundschulen und berufsbildenden Schulen. Leider hat es lange Zeit eine gewisse Nonchalance auf Seiten der Politik gegeben, Warnungen wurden als Propaganda der Lehrerverbände dargestellt. Doch auch wenn der Mangel an Lehramtsabsolventen berechenbar ist, ist er nicht so schnell steuerbar und Lücken sind schwer zu schließen.

Warum?

Etwa ein Drittel der Lehramtsstudenten scheidet während des Studiums aus. Es ist ja durchaus gut, wenn ein Student erkennt, dass der Beruf doch nicht passt. Doch Fakt ist auch, dass der Lehrerberuf nicht der attraktivste ist. Die Zahl der Studierenden ist in den vergangenen Jahren auf ein Rekordniveau von 2,8 Millionen gewachsen, doch die Zahl der Lehramtstudenten stagniert. Ich laste das auch der Reform der Lehrerbildung an. Sie hat dazu geführt, dass universitären Ausbildung zum Versuchsfeld wurde, die Fachkompetenz leidet, auch die Einführung in die Praxis während des Referendariats und in der Berufseinmündung kommt zu kurz. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Lehrer durch höhere Qualitätsstandards, Migration, zunehmende Geburtenzahlen, die digitale Bildung, Inklusionserwartungen. Mit anderen Worten: Die Arbeitsbedingungen sind schwierig, das Ansehen ist mäßig, die Bezahlung nicht besonders gut. Das wertet den Lehrerberuf ab. Und das ist in anderen Ländern anders.

Zum Beispiel?

In der Schweiz und in Skandinavien sind die Schulen besser in den Gemeinden verankert und das Personal genießt ein hohes Ansehen. In Finnland gibt es für das Lehramtsstudium sogar Zulassungsbegrenzungen wie bei uns in der Medizin. Das hat viel mit Schulpolitik zu tun, insbesondere der Autonomie, die die Schulen dort genießen. Das gab es früher auch in Deutschland, selbst bei preußischen Gymnasien: Außer der Abiturregulierung gab es keine detaillierten Regularien – und es hat funktioniert. Heute jedoch wacht die Bildungsverwaltung wie ein Anstaltsdirektor über allem, es wird hineinregiert und sanktioniert. Wir müssen unsere Schulen wieder autonomer machen, sowohl finanziell als auch personell und curricular.

Was würde das nützen?

Lehrer wollen gestalten, nicht ständig reguliert und sanktioniert werden. Das würde dem Lehrerberuf auch wieder mehr Ansehen verschaffen. Ich schlage vor, dass Politik und Verwaltung ein Jahr lang mal gar nichts tun, sondern einfach nur den Schulen und Lehrern vertrauen. Es sollte keine neuen Maßnahmen und irritierende Interventionen geben, sondern nur Unterstützung, Förderung, realistische Zielvereinbarungen – und Entlastung. Was Schule heute leisten soll, ist völlig übersteigert. Die Schule ist nicht der Reparaturbetrieb aller Übel der Gesellschaft.

Erwarten wir also zu viel vom Schulsystem?

Zumindest wird vom einzelnen Lehrer zu viel erwartet. Aber schon die Minimalbedingungen für kultivierten Unterricht sind nicht überall gewährleistet: dass eine Schule sauber, sicher und ordentlich ist, dass das Sekretariat erreichbar ist, dass Unterstützungspersonal existiert. Und auch die Eltern könnten noch mehr unterstützen. Sie können am ehesten dafür sorgen, dass das Regiment der Schule funktioniert: schon indem sie ihre Kinder zu Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiß anhalten, sie satt zur Schule schicken und die schulische Arbeit und die Lehrer wertschätzen und unterstützen. Das könnte noch ausgebaut werden. Man darf nicht alles vom Staat erwarten. Die Schule kann nicht allein die Erziehungsleistung erbringen. Es wäre auch schön, wenn die Eltern nicht nur die Karriere ihrer eigenen Sprösslinge im Blick haben, sondern gemeinschaftlich denken und fordern.

Trotz aller Widrigkeiten stellen sich Quereinsteiger dem Schulsystem zur Verfügung – und ernten statt Anerkennung häufig Misstrauen oder sogar Ablehnung. Ist das gerechtfertigt?

Ich verstehe die Abwehr von Gewerkschaften und Verbänden. Die erreichte Professionalisierung durch Studium, Referendariat und Eingewöhnung in der Schule ist wichtig. Aber es ist ja nicht so, dass mit Quereinsteigern völlig inkompetente Menschen in die Klassen geschickt werden. Wenn ich einen Physiker im Fach Physik einstelle, bringt er die notwendige Fachkompetenz mit. Wenn ich einen Muttersprachler beschäftige, kann er durch seine Sprach- und Kulturkenntnisse das ganze Fach befruchten. Ein Ingenieur für die Berufsschule ist praxiserfahrener als ein Lehrer, der vor 20 Jahren studiert hat.

Also sind die Bedenken haltlos?

Nein, das nicht. Die Quereinsteiger sind derzeit unentbehrlich, weil sie in einer dramatischen Notlage dafür sorgen, dass Schule überhaupt stattfinden kann. Aber ihr Einsatz muss eine zeitbezogene Maßnahme sein. Und sie müssen unbedingt nachqualifiziert werden und zum Beispiel Mentoren mit ausreichender Zeit an die Seite gestellt bekommen. Das passiert aktuell nicht hinreichend und damit richtet man meines Erachtens Unheil an. Noch bedenklicher finde ich den Einsatz der LovLs. Da muss man fachlich und pädagogisch nachqualifizieren.

Wie soll das gehen?

Im Moment muss man vor allem helfen, dass die Quereinsteiger im alltäglich drohenden Chaos überleben. Schüler und Eltern müssen nachsichtig sein, erfahrene Lehrer die neuen unterstützen und selbst dafür Anerkennung finden. Man muss ja lernen, die Schule als Lerngelegenheit zu gestalten, die pädagogischen Möglichkeiten zu nutzen, um das drohende Chaos zu organisieren – angefangen bei Sitzordnungen über Lerngruppen, Arbeitsabläufe und die Konstruktion anregender Aufgaben. Das muss ein Neueinsteiger lernen und das kann man auch nachlernen – übrigens am besten sowieso in der schulischen Praxis.

Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth ist Experte für Historische Bildungsforschung (Foto: Poklekowsk)
Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth ist Experte für Historische Bildungsforschung (Foto: Poklekowski)
Prof. em. Dr. Dr. h.c. Heinz-Elmar Tenorth ist emeritierter Professor für Historische Erziehungswissenschaft am Institut für Allgemeine Pädagogik der Humboldt-Universität zu Berlin. 1965 Abitur am Heinrich-Heine Gymnasium Bottrop – damals noch Städtisches Jungengymnasium. 

Ex-HHG-Schüler in der FAS zum maroden staatlichen US-Schulsystem

Diplome für alle

Nur ein amerikanischer Präsident hat je seine Kinder auf eine staatliche Schule in Washington geschickt – denn die zählen zu den schlechtesten des Landes. Eine Schulreform sollte mehr Schüler zum Abschluss führen und machte so alles noch schlimmer. Von Markus Günther / FAS 26.8.2018

Dr. Markus Günther, geboren 1965 in Bottrop, machte am Heinrich-Heine Gymnasium 1986 sein Abitur, studierte Geschichte und Politikwissenschaften, bevor er für verschiedene Zeitungen tätig war.  Er ist Autor der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Washington, D.C.

Märchenhaft, anders kann man es nicht nennen. Vor zehn Jahren begann die Reform der völlig desolaten Schulen in Washington. Sie verlief so erfolgreich, dass man mitunter seinen Augen nicht traute, wenn wieder neue Fortschritte vermeldet wurden. Die Noten wurden immer besser, die Schüler immer schlauer, die Lehrer immer beliebter. Die Disziplin an den Schulen stieg, die Zahl der Abschlüsse auch, die Zahl der Problemfälle und Schulverweise sank. Der damalige amerikanische Präsident Barack Obama hielt vor nationalem Publikum eine Lobrede auf das Washingtoner Erfolgsmodell, das ein Vorbild für alle Schulen in den Vereinigten Staaten sein müsse. Das Magazin „Time“ setzte die strahlende Schuldezernentin Michelle Rhee mit einem eisernen Besen in der Hand aufs Cover und feierte sie als siegreiche Heldin im Kampf gegen die verkrustete Bürokratie. Mehr Ehre geht gar nicht.

Manche Ergebnisse waren einfach zu schön, um wahr zu sein – etwa an der Ballou High School in Washingtons Schwarzen-Getto. Die Schule war vormals von Problemen aller Art gebeutelt. Dass sie 2017 dann alle 164 Schüler der Abschlussklasse zum erfolgreichen High-School-Diplom führen konnte, überstieg die kühnsten Erwartungen in der Stadt. Schließlich hatte in Washington vor zehn Jahren nur die Hälfte aller Achtzehnjährigen die Schule mit einem Abschluss verlassen.

Wie war dieser märchenhafte Erfolg nur möglich? Um das besser zu verstehen, studierte Kate McGec, Reporterin des Hörfunksenders NPR, die Akten der Schule. Zwischen Mai und November 2017 interviewte sie Schüler und Lehrer, besuchte Eltern und Ehemalige. Doch fand sie nicht das Erhoffte – weder die pfiffigen Lehrer noch die innovativen Methoden, keine wirkungsvolle Reformpädagogik und keinen durchschlagenden Förderunterricht. Alles, was sie fand, waren Lug und Trug: Die Ballou High School hatte die Diplome praktisch an alle Schüler verschenkt, unabhängig davon, welche Leistungen sie erbracht hatten oder ob sie überhaupt am Unterricht teilgenommen hatten. Jeder zweite Absolvent hatte mehr als drei Monate des Schuljahres unentschuldigt gefehlt, jeder Fünfte hatte sogar mehr als die Hälfte des Jahres geschwänzt, viele andere waren in den entscheidenden Tests durchgefallen. Sogar Schüler, die sich praktisch nie hatten blicken lassen, bekamen zum Abschied von ihrer Schule ein Diplom aber auch solche, die wegen Gewalt- und Drogendelikten aufgefallen waren. Spätere Nachforschungen zeigten, dass mehrere Schüler des Abschlussjahrgangs nach gängigen Maßstäben kaum lesen und schreiben konnten – was darauf hindeutet, dass sie schon in früheren Jahren kaum am Unterricht teilgenommen hatten.

Den Meldungen über die skandalösen Zustände an Ballou High folgte die öffentliche Empörung und dann die nüchterne Erkenntnis, dass Ballou keine Ausnahme, sondern der Normalfall in Washington war. Es stellte sich heraus, dass die anderen Highschools es genauso gemacht hatten. Sie waren nur nicht so doof, die Absolventenquote auf hundert Prozent hochzuschrauben. Sondern ließen wenigstens ein paar Schüler durchfallen, um den Schein zu wahren.

Als vor kurzem das neue Schuljahr zu Ende ging und diesmal unter den Blicken einer misstrauisch gewordenen Öffentlichkeit alles mit rechten Dingen zugehen musste, kam die traurige Wahrheit ans Licht: Nur 58 Prozent aller Schüler in Washington haben den Abschluss in diesem Jahr tatsächlich geschafft und damit die Eintrittskarte zum College erworben. Damit ist man nach zehn Jahren Schulreform und politischer Selbstbeweihräucherung wieder etwa dort, wo man damals angefangen hat: Washingtons Schulen ebnen nur der Hälfte aller Schüler den Weg zu Berufsausbildung oder College und entlassen die andere Hälfte in die weitere Verwahrlosung, Verdummung und Verarmung. Über Jahrzehnte standen ausgerechnet die Schulen der amerikanischen Hauptstadt am untersten Ende der nationalen Statistik, dann stiegen sie bis fast an die Spitze auf. Jetzt sind sie wieder ganz unten angekommen.

Natürlich hat Washington nicht nur die schlechtesten Schulen Amerikas, sondern auch die besten. Doch dabei handelt es sich um Privatschulen, die im Grundschulalter etwa 10.000 bis 20.000 Dollar pro Kind und Schuljahr kosten, in der Highschool sogar 25.000 bis 40.000. Ganz so unsozial, wie es klingt, ist das nicht: Praktisch alle Privatschulen bieten für begabte Schüler aus weniger wohlhabenden Familien großzügige Stipendien an, in manchen Fällen werden über 40 Prozent aller Schüler finanziell gefördert. Doch unterm Strich ist das nur eine Chance für wenige Begabte, deren Eltern sich für die Ausbildung ihrer Kinder kräftig ins Zeug legen. Für die meisten anderen bleiben nur die staatlichen (gebührenfreien) Schulen und mit ihnen die Reise in die soziale und berufliche Sackgasse. Wer in Washington lebt und es sich irgendwie leisten kann, schickt seine Kinder auf Privatschulen oder zieht in einen der Vororte in Maryland oder Virginia, wo die öffentlichen Schulen deutlich besser sind. Amerikanische Präsidenten sind in diesem Zusammenhang zwar kein Maßstab. Es ist aber vielsagend, dass in den letzten hundert Jahren mit Jimmy Carter nur ein einziger Präsident das Experiment wagte, seine Kinder auf eine staatliche Schule in Washington zu schicken. Dagegen entschieden so unterschiedliche Präsidenten wie Bill Clinton, George W. Bush, Barack Obama und Donald Trump die Schulfrage für ihre eigenen Kinder ganz ähnlich und wählten die besten (und teuersten) Privatschulen.

Man kann es ihnen nicht verdenken. In Washington muss man beim Besuch einer staatlichen Highschool vieles in Kauf nehmen: flughafenähnliche Sicherheitskontrollen für alle Schüler und Lehrer etwa, deren Rucksäcke am Eingang auf Waffen und Drogen kontrolliert werden. Streifenwagen, die am Ende des Schultages vor dem Gebäude patrouillieren. Oder die heruntergekommenen Klassenzimmer. Die verschiedenen Untersuchungskommissionen, die nach dem Skandal an Ballou High eingesetzt wurden, förderten haarsträubende Details zutage: Mehr als ein Viertel aller Lehrer in Washington hat keine Zulassung und hätte nie als Lehrer eingestellt werden dürfen; die Plätze an den begehrten staatlichen Förderschulen wurden vorzugsweise an Politikerkinder vergeben; der Rückgang der Disziplinarmaßnahmen ist vor allem darauf zurückzuführen, dass Lehrer die Schulverweise nicht länger dokumentierten, um so die Statistik zu schönen. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Details, die jeder Beschreibung spotten. Der neue Schuldezernent Antwan Wilson musste nach kurzer Zeit wieder zurücktreten, weil er sein Kind durch Beziehungen auf eine bessere Schule in einem anderen Stadtteil bugsierte und dabei 600 Plätze auf der Warteliste übersprang.

Leidtragende der desolaten Zustände in Washingtons Schulen sind vor allem die Jugendlichen und dabei besonders die Schwarzen. Gut 60 Prozent der Einwohner Washingtons sind Afroamerikaner, aber an den staatlichen Highschools der Stadt sind weit über 90 Prozent Schwarze, weil die Weißen auf Privatschulen ausweichen. Untersuchungen zeigen ein radikales Gefälle zwischen schwarzen und weißen Teenagern: In Mathematik zum Beispiel bestehen nur sieben Prozent der schwarzen Achtklässler Washingtons den nationalen Standardtest eine winzige Minderheit also. Unter weißen Achtklässlern in Washington sind es 72 Prozent.

Gerade die Testergebnisse, so sah es das lange gepriesene Reformmodell vor, sollten zum Maßstab des Fortschritts genommen werden. Doch wie sich jetzt zeigt, ging der Schuss nach hinten los: Viele Lehrer halfen aktiv mit, um die Ergebnisse ihrer Schüler aufzubessern, oder ließen Tricks und Täuschungen ausdrücklich zu. Das führte naturgemäß zu phantastischen Testergebnissen und erregte schon am Anfang der Reform vor zehn Jahren Misstrauen. Verschärfte Kontrollen führten später zu einem Einbruch der Testergebnisse. Schon damals wurde eine Kommission eingesetzt, die die wundersame Entwicklung der Washingtoner Mathematikkenntnisse untersuchen sollte. Sie konnte aber keine systematischen Täuschungen nachweisen.

Lehrer und Direktoren berichten von dem Druck, unter dem sie seit Beginn der Reform standen: „Jedes Jahr hatte ich eines dieser Treffen mit der Stadtverwaltung, in dem mir neue Ziele für das Schuljahr ausgegeben wurden. Ich habe gesagt, dass das unrealistisch ist, aber die haben nur freundlich gelächelt. Es gab auch kein Gespräch darüber, es war einfach eine Anweisung“, berichtet Richard Jackson, inzwischen pensionierter Direktor der Coolidge High School in Washington. Er und seine Kollegen wussten, dass alle versetzt oder entlassen wurden, die die Ziele verfehlen. Nach amerikanischem Arbeitsrecht ist das ohne große Umstände möglich.

Als verhängnisvoll erwies sich im Rückblick auch das System der Leistungsanreize für Lehrer, das Rhee 2008 einführte. Es sah vor, dass Lehrer einen jährlichen Bonus bekommen können, der sich nach den vereinbarten Erfolgskriterien richtete: Bessere Testergebnisse pro Klasse etwa. Wie jetzt herauskam, führte das nicht nur zu Betrügereien und dreisten Fälschungen. Es wurden auch Schwerpunkte verschoben: Weil etwa Physik und Biologie nicht in den nationalen Tests Vorkommen, wurde der Unterricht in diesen Fächern von vielen Lehrern eigenmächtig zurückgefahren. So sollte mehr Zeit gewonnen werden, um die Schüler auf die Tests vorzubereiten.

Bonus und Prämien der Schulleiter richteten sich in diesem System nach der Quote der bestandenen Abschlussprüfungen (was zur Hundert-Prozent-Quote an Ballou High führte), aber auch nach dem Rückgang der Disziplinarmaßnahmen. Viele Schulverweise wurden deshalb diskret verschwiegen, um dem Schulleiter nicht den Bonus zu vermasseln. Stattdessen etablierte sich ein formloses System, in dem die Lehrer Schüler aus dem Unterricht warfen oder nach Hause schickten, ohne den Vorfall zu melden.

Zur Reform gehörte auch, die Aufsicht über das Schulwesen direkt dem Bürgermeister zu unterstellen. So sollte an der Stadtspitze das Verantwortungsbewusstsein geschärft werden. Doch Kritiker meinen, dass auch das kontraproduktiv war: Washingtons Bürgermeisterin Muriel Bowser, die in diesem Jahr zur Wiederwahl steht, soll über Jahre Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt haben, gute Zahlen zu liefern wohl wissend, dass sie damit politisch punkten kann. Die parteilose Stadtverordnete Elissa Silverman sagt dazu: „Es gibt in unserer politischen Kultur eine Bereitschaft, fast alles zu tun, Manipulation der Statistik eingeschlossen, wenn es nur irgendwie zeigt, dass es mit den Schulen in Washington endlich aufwärtsgeht.“ Die Bürgermeisterin äußert sich in ihren Wahlkampfreden diplomatisch. Von den himmelschreienden Missständen will sie nichts gewusst haben, und die Schulen sieht sie immer noch auf einem guten Weg: „Wir haben trotz der jüngsten Vorkommnisse insgesamt gute Fortschritte gemacht.“ Mary Cheh, Demokratin wie die Bürgermeisterin und Stadtverordnete, sieht das anders: „An unseren Schulen gibt es nach wie vor Diplome für Analphabeten.“

Zu den Kollateralschäden der Washingtoner Schulreform gehören auch sagenhafte Kosten von drei Milliarden Dollar. Die wurden vor allem in Prestigeobjekte wie den olympischen Wettkampfpool der Wilson High School investiert. Von den schwarzen Schülern wird der nun kaum genutzt, dafür aber von den ganz überwiegend weißen Schwimmvereinen in Washington. Auch die Prämien und Boni für Lehrer, Direktoren und leitende Beamte im Schulamt haben Millionen verschlungen und die laufenden Kosten der Schulen in Washington auf nationale Rekordhöhe getrieben. Das alles wurde lange damit gerechtfertigt, dass diese Investitionen ja den Schülern in Washington zugutekommen und die besseren Noten und Schulabschlüsse den Reformern recht gäben.

Das müsste nun im Umkehrschluss dazu führen, dass die Reform neu und kritisch bewertet wird, dass man sich von Täuschungen und Selbsttäuschungen verabschiedet. Doch dass nach diesen Enthüllungen demnächst einiges besser wird, muss bezweifelt werden. Denn bislang hat die Stadt Washington nur eine einzige ihre Schulvorschriften aufgrund des Skandals geändert: Auch wer mehr als vier Wochen pro Halbjahr unentschuldigt fehlt, kann künftig ein Diplom bekommen. Außerdem müssen Lehrer ihren Schülern Nachholtermine für Aufgaben und Prüfungen anbieten, die sie verpasst haben, wenn sie mal wieder die Schule schwänzten. Die bisherigen Regeln, so das Schulamt, seien einfach zu streng gewesen. „Mit den neuen Regeln unterstützen wir unsere Schüler und tragen ihren Lebensumständen besser Rechnung“, sagt die neue Schuldezernentin Amanda Alexander. Außerdem sollen auch Lehrer ohne formale Zulassung erst einmal ihre Stelle behalten. Begründung: „Diese Lehrer sind ja nicht unqualifiziert, nur weil sie keine formale Zulassung haben.“ Vieles spricht also dafür, dass das Märchen von der erfolgreichen Schulreform in Washington weitergehen kann.

Die einst wie ein Guru gefeierte Schulreformerin Michelle Rhee hat Washington ohnehin längst verlassen und predigt nach Jahren in Kalifornien neuerdings in Tennessee die Segnungen ihrer kompromisslosen „datenbasierten Schulpolitik“. Ihre eigenen Kinder, erfuhren die erstaunten Zeitungsleser in Washington vor einer Weile, besuchen Privatschulen.

Bundesfamilienministerin überreicht Kommunikationspreis an Markus Günther (Ex-HHG-Schüler)

„Für schwerstkranke Menschen und ihre Angehörigen sollte ein unkomplizierter Zugang zu Angeboten der Hospizarbeit und Palliativversorgung selbstverständlich sein.“ erklärte die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Dr. Franziska Giffey bei der Verleihung des Kommunikationspreises der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin und der Deutschen PalliativStiftung. Sie überreichte den erstmals ausgeschriebenen Kommunikationspreis in Berlin an den Journalisten Dr. Markus Günther für dessen Essay „Du musst kämpfen“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Weitere vier Medienarbeiten waren von einer Fachjury nominiert.

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/umgang-mit-krebskranken-die-falsche-rhetorik-der-angehoerigen-15266490.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

 
„Es erfordert Mut und Vertrauen, sich in schwerer Krankheit Fragen der Medien zu öffnen und ein Stück des Weges öffentlich begleiten zu lassen.“ betonte Dr. Bernd-Oliver Maier, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. „Mit durchaus kritischem Blick versuchen wir Patientinnen und Patienten vor unangemessenen medialen Inszenierungen zu schützen. Umso beeindruckender sind die für den Kommunikationspreis nominierten Arbeiten, deren Autorinnen und Autoren auf bemerkenswert einfühlsame und zurückhaltende Weise die Leser, Hörer und Zuschauer an den Themen und Entscheidungen sterbender Menschen und ihrer Familien teilhaben lassen.“

Dies entspräche der Zielsetzung des gemeinsam mit der Deutschen Palliativstiftung erstmals 2018 aus-geschriebenen Kommunikationspreises, eine qualitativ hochwertige Medien- und Öffentlichkeitsarbeit zu hospizlich-palliativen Themen zu fördern. Dafür hat die Deutsche PalliativStiftung (DPS) ein Preisgeld in Höhe von 10.000 € zur Verfügung gestellt. Dr. Thomas Sitte, Palliativmediziner und Vorstands-vorsitzender der Deutschen PalliativStiftung, bei der Preisverleihung am Donnerstag in Berlin: „Wir freuen uns besonders, dass die Bundesfamilienministerin dieses Anliegen persönlich unterstützt. Es bedeutet für Familien in schwerer Krankheit eine große Entlastung, wenn sie sich auch mit Hilfe der Medien über vergleichbare Situationen und die dann zur Verfügung stehenden Angebote der Hospiz- und Palliativversorgung informieren können. Das ist ein Hauptziel unserer Stiftungsarbeit.“

Jurypräsident Prof. Dr. Boris Zernikow würdigte in seiner Laudatio den Essay „Du musst kämpfen“ des Preisträgers Dr. Markus Günther, in welchem er genau diesen einen Satz kritisch hinterfragt. „Sehr wünsche ich mir, dass dieser herausragende Beitrag gelesen, diskutiert und verbreitet wird! Er steht für die Grundidee des Preises, schwerkranke Menschen und die ihnen Nahestehenden ernst zu nehmen in ihrer Lebenssituation und sie nicht mit unbedachten Aufrufen weiter zu belasten. Gerade die Aufforderung „Du musst kämpfen“ dient meist mehr dem eigenen Trost, als dass er der Situation der Betroffenen gerecht wird.“ Der Text habe tatsächlich ungewöhnlich viele Reaktionen vor allem bei Krebspatienten, aber auch ihren Angehörigen ausgelöst, so Markus Günther: „Viele Menschen haben diesen Text mit einem Gefühl der Erleichterung gelesen, wie sie sagen, weil sie die Rhetorik vom ‚Kampf‘ als zusätzliche Belastung empfunden haben oder hier zum ersten Mal lesen konnten, dass die fachwissenschaftliche Diskussion längst viel weiter ist.“

DGP-Vizepräsident Dr. Bernd-Oliver Maier, Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey, Preisträger Dr. Markus Günther, DPS-Vorstandsvorsitzender Dr. Thomas Sitte
DGP-Vizepräsident Dr. Bernd-Oliver Maier, Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey, Preisträger Dr. Markus Günther, DPS-Vorstandsvorsitzender Dr. Thomas Sitte

?https://www.dgpalliativmedizin.de/kommunikationspreis/preisverleihung.html (14.6.2018)

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