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Trauer um die Ex-Kollegen KORTE und WAGENER

Wir trauern um unseren pensionierten Kollegen

Karl-Theo Wagener (1937-2019)

Karl-Theo Wagener kam nach seinem Studium der Altphilologie 1967 und seiner Referendarzeit als Studienassessor an das damalige Städtische Jungengymnasium, das heutige Heinrich-Heine-Gymnasium. Neben seinen Fächern Griechisch und Latein unterrichtete er nach einer Zusatzausbildung auch Mathematik sowie nach einem Erweiterungsstudium Biologie.

1975 wurde er zum Studiendirektor befördert.

Im Sommer 2000 trat er in den Ruhestand.

Gewissenhaft, pflichtbewusst und hilfsbereit war er im Kollegium sehr geschätzt und in der Schülerschaft respektiert.

Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

 


 

Wir trauern um unseren pensionierten Kollegen, den Musiklehrer

Bernhard Korte (1929-2019),

der bald nach seinem 90.Geburtstag verstorben ist.

Nach dem Studium an der Folkwangschule in Essen und der Musikhochschule in Köln war Bernhard Korte als Organist und Chorleiter an der Propsteikirche St. Cyriakus tätig.

1963 konnte er zur Behebung des Lehrermangels gewonnen werden, als Musiklehrer an dem Städtischen Jungengymnasium, dem heutigen Heinrich-Heine-Gymnasium, auszuhelfen. Aus der anfänglichen Nebentätigkeit wurde sehr schnell eine fast volle Stelle.

Ab 1979 war er hauptberuflich Musiklehrer an unserer Schule und übte sein Amt als Kantor in Nebentätigkeit aus.

Im Januar 1995 ging er in den Ruhestand.

Tausende von Schülerinnen und Schülern hat er nicht nur in den theoretischen Grundlagen der Musik unterrichtet, sondern sie mit seiner eigenen Begeisterung für die Musik anstecken können. Für etliche von ihnen wurde die Musik zu Berufung und Beruf.

Humorvoll, stets gut gelaunt und mit positiver Lebenseinstellung war er im Kollegium allseits beliebt und geschätzt.

Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Das Seelenamt für Bernhard Korte ist um 10:00 Uhr in der Cyriakus-Kirche, die Beisetzung, anders als in der Zeitung angegeben, auf dem Parkfriedhof.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Trauer um Ex-Lehrerin Angelika Bianchi

Tief betroffen haben wir Kenntnis erhalten vom plötzlichen Tod unserer ehemaligen Kollegin

Angelika Bianchi, geb. Wagner (1948-2019).

Als Sportlehrerin war Frau Bianchi von 1970 bis zum Beginn ihrer Altersteilzeit 2010 an unserer Schule tätig. Zum Ende des Jahres 2013 ging sie endgültig in den Ruhestand.

Mit ihrer offenen Art und positiven Einstellung war sie im Kollegium und in der Schülerschaft beliebt.

Selbst stets sportlich aktiv, verstand sie es mit ihrer Ausstrahlung, die Schülerinnen und Schüler für Sport und Bewegung zu begeistern.

50 Jahre Abitur: Absolventen treffen sich

Fast genau 50 Jahre nach ihren Abiturprüfungen haben sich die Schüler des früheren Jungengymnasiums (neusprachlicher Zweig) wieder getroffen. Am 11. und 12. Juni 1969 hatten sie ihr Abitur abgelegt. Jetzt sah sich ein Teil am Overbeckshof wieder, wo damals die Abiturfeier stattgefunden hatte. Anschließend ging es zur Führung durch das frühere Jungengymnasium, dem heutigen Kulturzentrum Augsut-Everding.
v.l. Theo Schmidt, Rainer Nozinski, Peter Pieper, Norbert Thiemann, Michael Oellig, Bertold Braun, Jürgen Wehner, Rainer Hürter (auf dem Bild fehlen: Peter Döbber und Hans-Jürgen Wölz / leider verstorben sind: Bernhard Becker, Wolfgang Gorris und Werner Schlachta)

Quelle: WAZ Bottrop, 26.06.2019

Zweimal – 50 Jahre Abitur

Zwölf Altsprachler feiern 50 Jahre Abitur

Ihren Abschluss machten die Herren im Jahr 1969 am ehemaligen Jungengymnasium. Von dort aus ging es in die Berufswelt. Am bekanntesten aus ihrem Kreis wurde Berthold Possemeyer als Opernsänger

50 JAHRE NACH DEM ABI (V. I.): PETER HICKL, FRANZ-JOSEF WIECHERS, PROF. BERTHOLD POSSEMEYER, DR. REINHARD FLOSSDORF, DR. HANS-JOACHIM STRATMANN, BERNHARD JANERT, ULRICH VIETZ, MANFRED KRÄMER, DR. NORBERT JOHANNES INGLER

50 Jahre nach dem Tag ihrer Abiturfeier 1969 trafen sich jetzt zwölf Schüler der altsprachlichen Oberprima vor dem massiven Eingangsportal des ehemaligen Jungengymnasiums, dem heutigen August-Everding-Kulturzentrum, in der Blumenstraße wieder.

Sechs weitere Ehemalige waren verhindert oder erkrankt, berichtet Dr. Norbert Johannes Ingler. Fünf Klassenmitglieder sind inzwischen verstorben. Organisiert hatten das Jubiläumstreffen Joachim Stratmann aus Köln und der Bottroper Bernhard Janert.

Latein und Altgriechisch gelernt

Die ehemaligen „Altsprachler“, die so genannt wurden, weil sie auf neun Jahre Latein- und sechs Jahre Altgriechisch-Unterricht zurückblicken konnten, schwelgten nicht nur in Erinnerungen an ihre Schulzeit mit besonderen Lehrerpersönlichkeiten.

Sie erinnerten sich auch gern an die Klassenfahrt in der Mittelstufe zur Jugendherberge der Burg Altena mit Besuch der Tropfsteinhöhle Attendorn. Und an die Rom-Studienfahrt in der Oberprima mit der Unterbringung in einem katholischen Schwesternhaus auf dem Hügel Gianicolo oberhalb des römischen Stadtteils Trastevere.

Nach dem Abi ins Studium

„Fast alle Mitglieder der Klasse ergriffen nach dem Abitur sowie der Bundeswehrzeit beziehungsweise dem damaligen Ersatzdienst ein Studium, bevorzugt Medizin sowie das Lehramtsstudium an den unterschiedlichen Schulformen“, so Ingler. Und er schildert Karrieren im Detail: Der ehemalige Klassensprecher Joachim Stratmann absolvierte demnach zwei medizinische Studiengänge und war unter anderem Dozent an der Uni Köln. Ulrich Fietz arbeitete bis zur Pensionierung als Vorstand beim TÜV Rheinland. Dr. Norbert Johannes Ingler selbst leitete viele Jahre das Gymnasium Lünen-Atlünen.

Den Fächern Latein und Altgriechisch treu blieb Wolfgang Basista als Gymnasiallehrer. Die größte Karriere machte Berthold Possemeyer, der Schul- und Kirchenmusik, Dirigieren und Musikwissenschaft sowie Gesang studierte. Possemeyer, der noch heute in Ensembles auftritt, wurde in Frankfurt am Main Musik-Professor, erhielt viele Preise bei Gesangswettbewerben und eroberte als Opern- und Konzertsänger die großen Bühnen der Welt.

Die Bühnen der Welt erobert

Berthold Possemeyer ging vor 50 Jahren als letzter in die mündliche Abiturprüfung, schildert Ingler: Er bestach dort mit Klavierspiel und Interpretation eines Musikstücks und erfreute das damalige Lehrerkollegium, in dem nur wenige Frauen waren, zum Abschluss des Prüfungstags.

Denn die mündlichen Prüfungen im Jahr 1969 fanden noch in „Anzug, Schlips und Kragen“ vor dem gesamten Lehrerkollegium statt. Allerdings erlaubte Klassenlehrer Hamann wegen der Hitze am Prüfungstag, dass der Schlips abgenommen werden konnte. Die Abiturfeier fand übrigens dann im Overbeckshof und im ehemaligen Kolpinghaus statt.

Einige der Ehemaligen wohnen und arbeiteten heute noch in Bottrop und Umgebung, die meisten zumindest in Nordrhein-Westfalen.

Quelle: WAZ vom 19.6.2019

 

50 Jahre ABI – auch die ehemalige OIns2 erinnert sich

Aus gleichem Anlass trafen sich die Neusprachler am Ort der Zeugnisübergabe – im Overbeckshof.

v.l. Theo Schmidt, Rainer Nozinski, Peter Pieper, Norbert Thiemann, Michael Oellig, Bertold Braun, Jürgen Wehner, Rainer Hürter (auf dem Bild fehlen: Peter Döbber und Hans-Jürgen Wölz / leider verstorben sind: Bernhard Becker, Wolfgang Gorris und Werner Schlachta)
Im ehemaligen Klassenraum – dem heutigen Stadtarchiv

Im September treffen sich die Jubilare und ihre Frauen zum wiederholten Male in Arnsberg bei ihrem ehemaligen 93-jährigen Klassenlehrer Klaus Kayser.

Ex-HHGler – Ein Professor  aus  Bottrop für Bottrop

Dr. Jens Watenphul ist der neue Stiftungsprofessor an der Hochschule Ruhr West. Er zeigt, wie Klimaschutz-Themen an den Mann und die Frau gebracht werden

Als Jens Watenphul vor 30 Jahren sein Abitur am Heinrich-Heine-Gymnasium machte, war als Studienstandort Essen gesetzt. Dass es einmal eine Hochschule in Bottrop geben könnte? Damals ein Gedanke praktisch jenseits jeder Vorstellung.

Prof. Dr. Jens Watenphul lehrt als Bottroper nun an der Hochschule Ruhr West. Zusätzlich leitet er eine Kommunikationsagentur.  (Foto: Joachim Kleine-Büning)

Doch inzwischen ist sie nicht nur da, die Hochschule Ruhr West, sondern in den zehn Jahren ihres Bestehens auch etabliert. Und Watenphul, heute Doktor der Kommunikationswissenschaften und Agentur-Inhaber, lehrt jetzt als Professor in seiner Heimatstadt.

Der 49-Jährige, der als Kommunikationsprofi auch schon die Innovation-City-Bewerbung Bottrops erfolgreich begleitet hat, hat jüngst die Stiftungsprofessur „Kommunikationsprozesse und Handlungsauslösungen beim Klima- und Ressourcenschutz“ erhalten. Dabei soll es darum gehen, wie diese Zukunftsthemen kommuniziert und in die breite Umsetzung getragen werden können.

Watenphul will den Studierenden unter anderem näher bringen, dass es später nicht nur darum gehen wird, als Ingenieure Energieeffizienz zu planen oder Innovationen zu entwickeln. „Sie werden das auch vermarkten müssen.“ Dazu helfe es zu wissen, wie kommunale Verwaltungen ticken, wie man Themen an Kunden heranträgt, wie man Bürger mit Klimaschutz-Inhalten ansprechen kann und Vermeidungsverhalten positiv überwindet. „Die Leute rechnen. Es hilft, wenn sie bei einer Maßnahme mehr sehen als nur den Nutzen für den viel zitierten Eisbären.“

Praktische Erfahrungen

In all diesen Bereichen hat der gelernte Redakteur Watenphul, Chef der Kommunikationsagentur Corporate Values, in den vergangenen Jahren praktische Erfahrungen gesammelt. Ehrenamtlich arbeitete er für NGOs (Nichtregierungsorganisationen), war drei Jahre Campaigner bei Greenpeace in Hamburg.

„Da habe ich viel darüber gelernt, was Bürger zwar alles gut finden, aber noch lange nicht machen.“ Er hat berufsbegleitend promoviert, Energieversorger und Konzerne beraten und gerade zum Beispiel für Düsseldorf eine Klimakampagne geplant.

Die ersten Reaktionen der Studierenden auf seine Themen stimmen ihn positiv. „Es sind sehr engagierte Kurse mit einer hohen Präsenz.“ Die jungen Leute seien ambitioniert, hätten etwa im Kurs zu Nachhaltigkeitsthemen clevere Ideen dazu entwickelt, wie sie im Umfeld durch technisches Know-How Verbesserungen herbeiführen könnten.

Watenphul nennt ein Beispiel: „Es gab die Idee, an der HRW Laptops zu reparieren, damit sie länger schnell laufen.“ Und nicht alle zwei Jahre schon wieder ausgetauscht werden. „Damit sparen sie Geld, lernen etwas, verwenden die Technik länger, vermeiden Müll.“

Anderes Beispiel: Studierende entwickeln im Sparring Ideen, wie man E-Mobilität mit Laternen verknüpft – und das verkaufen kann. „Man muss auch lernen, dass es viele finanzielle Grenzen gibt“, weiß Watenphul aus Erfahrung.

Gelehrt habe er immer schon gerne, unter anderem als Studienleiter an der Deutschen Fundraising-Akademie. „Es war immer mein Ziel, an einer Hochschule lehren zu können“, verrät der Familienvater, dessen Stelle an der HRW es ihm ermöglicht, seine Kommunikationsagentur weiter zu führen.

Er schätzt es, an der HRW einen Pool an Wissen zu haben. „Man kann mit dem akademischen Zusammenhang auch etwas bewegen – und die Hochschule will etwas bewegen.“ Er betont den offenen Austausch, das Weitertragen von Ideen. Grundsätzlich hält er den Campus für Bottrop für hilfreich in der Zeit des Strukturwandels nach dem Bergbauende. „In der Stadt hat sich schon einiges getan, auch durch die Hochschule.“

Quelle: Nina Stratmann WAZ Bottrop vom 21.5.2019

Ex-HHG-Lehrer zum „Friedensprojekt Europa“

Der ehemalige HHG-Lehrer Klaus Kayser (92) sprach auf dem Friedensprojekt am „Monday for Europe“ (6.Mai) die einleitenden Worte zu einer Podiumsdiskussion mit Europa-Spitzenkandidaten zur EU-Wahl am 26. Mai.

Als Kriegsteilnehmer berichtete er als authentischer Augenzeuge über das fremdbestimmte Leben als Jugendlicher und Soldat in der NS-Zeit und über die Wohltat, als das Grundgesetz der jungen Bundesrepublik in Kraft trat und endlich selbstbestimmtes Leben erlaubte.


Als Zeitzeuge eingeladen, bin ich heute in der festen Überzeugung hier hergekommen, dass die Erinnerung an die Zeit vor 1945 mitbewirkt hat, seit 74 Jahren in einer Friedenszeit zu leben. Das Grundgesetz und politische Rahmenbedingungen der Bundesrepublik Deutschland haben mir seitdem ermöglicht, mein Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Vor 1945 lebte ich in einer Welt, ausgenommen mein Elternhaus, in der Gehorsam, Gehorchen erste Christen- und Bürgerpflicht zu sein schienen. Bei der Wehrmacht erfuhr ich, Denken den Pferden zu überlassen. Sie hätten größere Köpfe. Als Soldat musste ich 1944 dem Führer und Kanzler des Deutschen Reiches, Adolf Hitler, schwören, ihm unbedingten Gehorsam zu leisten. Ich durfte nicht erwachsen werden, aber ab meinem 16. Lebensjahr Kanonenfutter sein für eine Welt, die ich nicht wollte. Für die Verweigerung dieses Eides haben Menschen ihren Tod hingenommen.

Anfang Mai 1945 kam ich nach einem turbulenten Rückzug, der in Oppenheim am Rhein begonnen hatte, am Schliersee in Bayern an, Mitglied einer sich auflösenden Truppe.

Unterwegs ständig aus der Luft von Tieffliegern angegriffen, waren wir am Boden der Übermacht der amerikanischen Panzer ausgesetzt.

Wir begegneten auf diesem Rückzug einer endlosen Kolonne von Häftlingen aus einem Konzentrationslager. Sie mussten sich, bewacht von SS-Soldaten, am Straßenrand in ihrer gestreiften Lagerkleidung, vom Regen durchnässt, mit Holzpantinen an den Füßen, in noch winterlicher Kälte durch den Matsch quälen, vermutlich ihrer Ermordung entgegen.

Eine andere in meinem Gedächtnis fest verankerte Situation erlebte ich, als wir, ein Trupp von wenigen Soldaten, nur mit Panzerfäusten bewaffnet, in der Nähe von Landsberg am Lech angesichts zahlreicher heranrollender Panzer unsere Stellung aufgeben mussten. Es gelang uns per beschlagnahmter Fahrräder, die Kettengeräusche der Panzer im Ohr,  entlang des Ammersees, Abstand zu gewinnen. Wir kehrten total erschöpft bei Weilheim in einer am Wege liegenden Kneipe ein, erhielten zu Trinken und aßen von unserer Marschverpflegung. Plötzlich öffnete sich die Kneipentür und zwei Männer, vorschriftsmäßig uniformiert, mit Stahlhelmen auf dem Kopf und einem Schild auf der Brust, mit einer Kette um den Hals befestigt, bewaffnet mit Maschinenpistolen: „Kettenhunde“, sprich Feldgendarmerie. Mit knarrender Stimmte rief einer der beiden Männer in den Raum: „Marschpapiere!“ Wir hatten keine. Wer hätte sie uns auch ausstellen können? Für die Feldgendarme waren wir jetzt Deserteure und gehörten vor ein Standgericht, dessen Urteil schon im vorhinein feststand. In meiner Not habe ich sie angeschrien und aufgefordert, ihren Kopf doch nochmal nach draußen zu stecken, dann könnten sie Kettengeräusche der sich nähernden amerikanischen Panzer hören. Sie taten es, stiegen anschließend auf ihr Motorrad bzw. in den Beiwagen und wurden nicht mehr gesehen.

Am Schliersee war zwar der Krieg für uns zu Ende, aber befreit fühlten wir uns noch nicht. Niemand war da, der uns gesagt oder befohlen hätte, was in dieser Situation zu tun sei. Zu Dritt verbrannten wir schließlich unsere Uniformen und übergaben auch die total verlauste Unterwäsche dem Feuer. Im Tausch gegen ein intaktes Radio zeigte sich eine Bäuerin bereit, uns aus dem Fundus ihres Mannes Zivilkleidung zu überlassen.

Noch war die Front vor uns. Wir wollten uns zunächst im Wald verstecken, um uns von der Front überrollen zu lassen. Wir erinnerten uns aber bald schon, dass wir in Zivilkleidung nicht mehr als Soldaten, sondern als Partisanen eingeschätzt würden, für die die Haager Landkriegsverordnung von 1907 nicht galt. Wir kehrten auf die Straße zurück. Als wir die ersten Amerikaner erkennen konnten, hoben wir die Arme und gingen langsam auf sie zu. Es gelang mir, einer Kriegsgefangenschaft zu entgehen.

Ich plagte mich tagsüber zu Fuß von Holzkirchen aus auf der Autobahn nach München, durch München hindurch, an Augsburg vorbei. Schließlich kam ich in die Nähe von Ulm. In Heidenheim lebten, wie mir spontan einfiel, Freunde meiner Eltern. Nach vielem Herumfragen fand ich schließlich ihre Wohnung. Sie stellten mir am nächsten Tag, wenn auch schweren Herzens, ihr Familien-Fahrrad zur Verfügung, mit dem ich von Heidenheim aus auf verschlungenen Wegen schließlich in Arnsberg landete. Im Café Schmidt am Gutenbergplatz, eine Tochter aus dem Hause arbeitete in der Apotheke meines Vaters, erfuhr ich, dass meine Eltern Bomben und Kriegsende heil überstanden hätten. Mein Elternhaus wäre aber noch von den Amerikanern besetzt. Ich stieg auf das Fahrrad, fuhr über den Bockstall nach Breitenbruch, passierte die Möhnetalsperre, ließ Soest rechts liegen und war schließlich am Freitag vor Pfingsten wieder zuhause. Im Gepäck nur noch: nie wieder Krieg.

 

Lassen Sie mich abschließend folgendes Erlebnis in der Jetztzeit erzählen:

Am Karfreitag dieses Jahres bin ich allein den Arnsberger Kreuzweg gegangen, auch in Gedanken über das, was ich heute zur Einleitung dieser Veranstaltung sagen wollte. Oben auf dem Kreuzberg angekommen, sah ich Helfer das diesjährige Osterfeuer vorbereiten. Auf einer Bank ruhten sich ein älterer und ein jüngerer Mann offensichtlich von getaner Arbeit aus. Ich bekam während einer kurzen Rast von ihrem Gespräch mit, dass der Ältere dem Jüngeren erklären wollte, was er von den Demonstrationen 15-/16-Jähriger zum Klimawandel hielt. Insbesondere die Verwendung der Unterrichtszeit machte für ihn das Ganze fragwürdig: Schulschwänzer. Ich mischte mich ungefragt ein. Wir verständigten uns schließlich darauf, dass zumindest das Pauschalurteil unangebracht war. Der Ältere fügte abschließend hinzu, der Protest käme zu spät und habe daher keinen Zweck.

Ich denke, wir können dieses „zu spät“ für die noch nicht Wahlberechtigten und auch für uns nicht gelten lassen.

Mich erinnerte dieses Erlebnis an den 24. März 1933, als mit den Stimmen des Zentrums das Ermächtigungsgesetz im Reichstag verabschiedet wurde. Es hob die Gewaltenteilung auf und eröffnete damit Hitler den Auf- und Ausbau seiner Diktatur, deren Zielsetzung man mindestens seit 1925 kennen konnte.

Dieser Beginn des „zu spät“ wurde für viele die Rechtfertigung der Übernahme einer Zuschauerrolle in der Folgezeit. 12 Jahre alt, erlebte ich den 9. November 1938, die sogenannte „Reichskristallnacht“. In Hamm brannte die Synagoge, man schaute zu oder verdrückte sich.

Gleiches ereignete sich, als das Delikatessengeschäft eines jüdischen Inhabers geplündert wurde. Man schaute weg, beteiligte sich sogar oder zog sich diskret zurück.

 

Wir sind am 26. Mai bei der Europawahl aufgerufen, wieder unsere politische Verantwortung für uns und die Nachkommenden wahrzunehmen.

Ein einiges und dadurch starkes Europa wird mittlerweile für die Erhaltung der Welt gebraucht, die wir uns für unsere Kinder und Enkel wünschen.

Ich hoffe, bei deren möglicher Nachfrage bezüglich der Wahrnehmung unserer Verantwortung für die Welt, in der sie leben müssen, eine andere Antwort parat zu haben, als meine Großeltern- und Eltern-Generation – wenn sie denn überhaupt eine hatten.

 

Klaus Kayser (*1.6.1926) unterrichtete am früheren Jungengymnasium [heute HHG] in Bottrop Religion und Geschichte. 1972 nahm er das Angebot an, in Arnsberg Schulleiter am Gymnasium Laurentianum zu werden. Nach seiner Pensionierung 1990 half er beim Aufbau des Norbertusgymnasiums in kirchlicher Trägerschaft in Magdeburg – und auch beim Aufbau des Gymnasiums Jena stand Klaus Kayser beratend zur Seite. Seine Gedanken und Erlebnisse fasste er in einem Buch zusammen, das 2015 unter dem Titel „1944 – Ein Jahr für ein ganzes Leben“ erschienen ist.


siehe auch frühere Berichte:

➣  https://hhg-bottrop.de/schueleraustausch-beginnt-mit-hhg/

➣  https://hhg-bottrop.de/ein-wiedersehen-nach-fuenfzig-jahren/

➣  https://hhg-bottrop.de/ex-schueler-besuchen-alten-lehrer/

 

Ex-HHG-Abiturient (1989) neuer Stiftungsprofessor der Hochschule RuhrWest

Prof. Dr. Jens Watenphul wird neuer Stiftungsprofessor der HRW

Eine Hochschule hat Bottrop mit der HRW schon länger, nun hat sie mit Prof. Dr. Jens Watenphul auch ein Kind der Stadt, das dort unterrichtet.

Im Juni 2018 hatte sich Dr. Jens Watenphul auf die Ingenum Stiftungsprofessur an der Hochschule Ruhr West (HRW) für Kommunikation mit Schwerpunkt der Handlungsauslösungen im Klima- und Ressourcenschutz beworben und sich letztlich in einem dreistufigen Wettbewerb gegen Bewerber aus ganz Deutschland durchsetzen können.

Neben seinen fachlichen Qualifikationen als Kommunikationswissenschaftler und Marketingmanager halfen ihm vor allem die mehr als 15-jährigen überregionalen und internationalen Erfahrungen als Kampagnenplaner mit dem Schwerpunkt Klimaschutz und humanitäre Hilfe unter anderem für Ministerien, für Greenpeace, World Vision, für die Landeshauptstadt Düsseldorf, Kommunen und Konzerne in Deutschland, Europa und darüber hinaus. Lehrerfahrungen sammelte er als Studienleiter für Akademien und Universitäten in Frankfurt, Hamburg, Berlin und Düsseldorf ebenso und als Workshopleiter für Stiftungen, Ministerien und Universitäten in Deutschland und international – angefangen an der VHS Bottrop.

So hat er unter anderem Marketingverstärker selbst entwickelt und patentiert und TÜV zertifizieren lassen und für Unternehmen in Deutschland, Kanada, der Schweiz und den Niederlanden eingesetzt. Seine Tätigkeit bringt ihn von seiner Heimatstadt Bottrop aus regelmäßig nach Berlin oder Frankfurt ebenso ergeben sich durch seine Spezialisierung auf Klimaschutz und Direktmarketing Stationen in Wien, Washington, St. Peterburg, Beirut. So wurden von Bottrop aus Video- und TV-Produktionen für Greenpeace und World Vision ebenso entworfen wie Multichannelkampagnen für nachhaltige Energieversorger und innovative Baustoffe ebenso wie der seinerzeit erfolgreiche Wettbewerbsbeitrag der Stadt Bottrop zur Innovation City Ruhr.

Hier möchte Jens Watenphul mit seiner Professur auch gerne anknüpfen: „Die HRW bietet mit ihren zukunftsgewandten technischen und ökonomischen Themen eine dreifache Chance für eine Stadt wie Bottrop im Strukturwandel. Wir können Innovationen mit den Professoren und Studenten durch Forschungsmittel binden und ausbauen, den Wirtschaftsstandort stärken, und für junge wie alte Fachleute am Standort eine Perspektive aufbauen. Gerade auch im Nachbergbau sind Fachkräfte für umweltschonende Innovationen und Energiesysteme ein Trumpf.“

Prof. Dr. Oliver Koch (Vizepräsident für Forschung und Transfer), Dipl.-lng. Thorsten Rath
(INGENUM GmbH), Prof. Dr. Jens Watenphul, Prof. Dr. Susanne Staude (staatlich Beauftragte für die Funktion der Präsidentin), Prof. Dr. Jens Paetzold (Institutsleiter Energiewirtschaft
und Energiesysteme) sehen in dieser Kooperation eine große Chance für alle Beteiligten
 und vor allem für die Studierenden der Hochschule. (Foto: HRW / André Lössel)

Quelle: Stadtspiegel Bottrop vom 20.2.2019

siehe auch ➣ https://www.hochschule-ruhr-west.de/news/datensaetze-presse/2019/stiftungsprofessur-ingenum/

 

Ex-HHG-Schüler [Päd.-Prof.] zum Dokumentarfilm „Elternschule“

Debatte um Dokumentarfilm „Elternschule“ „Wir haben keine Alltagspädagogik als schwarze Pädagogik mehr“ / Heinz Elmar Tenorth im Gespräch mit Ute Welty / DLF 8.11.2018

Die Vorstellung von der Natur des Kindes habe sich völlig verändert, sagt der Pädagoge Heinz Elmar Tenorth. Die Zeit der „schwarzen Pädagogik“ sei lange vorbei. Er kritisierte aber die Kontrollphantasien beim Umgang von Kindern mit digitalen Medien.

Seit der Dokumentarfilm „Elternschule“ in die Kinos kam, wird über die Methoden einer Gelsenkirchener Klinik im Umgang mit ihren kleinen Patienten heiß diskutiert. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein und in unserem Programm kamen unterschiedliche Stimmen dazu zu Wort.

Der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch zeigte sich nach dem Film geschockt und sagte bei uns im Interview, er habe sich nicht vorstellen können, dass in einer deutschen Kinderklinik so verfahren werde. Er erinnerte an die Tradition der „schwarze Pädagogik“ im Umgang mit Kindern und den langjährigen Standarderziehungsratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer, der Härte im Umgang mit Kindern empfahl.

Im Alltag keine schwarze Pädagogik mehr

„Schwarze Pädagogik ist eine Praxis von Erziehung, die auf vollständige Kontrolle und Beherrschung des Kindes setzt und zwar mit allen denkbaren Mitteln, die einem Erwachsenen zu Verfügung stehen“, erläuterte der Erziehungswissenschaftler Heinz Elmar Tenorth im Deutschlandfunk Kultur dieses Erziehungskonzept. Schwarze Pädagogik sei ein weltweites Phänomen.

Die Erziehungspraktikerin Haarer habe die Ratschläge in ihrem 1934 erschienen Buch nicht erfunden, sondern stütze sich auf frühere Erziehungsratgeber, die im bürgerlichen Milieu in Deutschland schon lange vorlagen, sagte Tenorth, der bis zu seiner Emeritierung 2011 Professor für Historische Erziehungswissenschaften an der Berliner Humboldt Universität war.

„Wir haben keine Alltagspädagogik als schwarze Pädagogik mehr“, sagte er. Die Erziehung habe sich sehr verändert, vor allem weil sich die Vorstellung von der Natur des Kindes sehr verändert hätten.

Umgang mit digitalen Medien    

Beim Umgang mit digitalen Medien mahnte Tenorth zu mehr Gelassenheit:

„Medien galten immer als die gefährliche Umwelt der Erziehung. In den historischen Texten sind das die Miterzieher, vor denen sich die Eltern und die Erzieher fürchten, weil sie die nicht kontrollieren können und damit nicht den Zugang zur Welt kontrollieren können.“

Man sollte da mehr Zutrauen zu den Kindern haben.

Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Kinder, die nicht schlafen, nicht essen und ihren Eltern den letzten Nerv rauben. Der Film „Elternschule“ dokumentiert Therapien für solche Kinder, die zum Teil sehr drastisch sind. Die Diskussion darüber reißt seit dem Filmstart vor einem Monat nicht ab. Im „Studio 9“-Gespräch hat sich Psychiater Karl Heinz Brisch geäußert:

„Wir haben ja in Deutschland eine ganz lange Tradition von schwarzer Pädagogik, wo es nicht darum ging, Kinder liebevoll und feinfühlig zu behandeln, sondern es ging darum, Gehorsam, Anpassung, Unterwerfung bei Kindern zu erziehen, und das mit den Mitteln der körperlichen Züchtigung und Gewalt. Sie hatten dann das Buch von Johanna Haarer, „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, das allen Müttern in der Zeit des Nationalsozialismus an die Hand gegeben wurde. Und dass Eltern sehr schnell bereit sind, wenn jemand sagt, doch, Kinder müssen manchmal mit Härte behandelt werden, dann auf diesen Zug aufzuspringen.“

So weit Psychiater Karl Heinz Brisch im „Studio 9“-Gespräch hier in Deutschlandfunk Kultur. Inwieweit Erziehung in Deutschland unter dem Einfluss steht der sogenannten Schwarzen Pädagogik und mit einer Idee von Unterwerfung, das will ich jetzt besprechen mit dem Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth, der sich unter anderem als langjähriger Professor an der Humboldt-Universität in Berlin mit der entsprechenden Historie und Genese beschäftigt hat. Guten Morgen, Herr Tenorth!

Heinz-Elmar Tenorth: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Wie definieren Sie diese sogenannte schwarze Pädagogik?

Tenorth: Schwarze Pädagogik ist eine Praxis von Erziehung, die auf vollständige Kontrolle und Beherrschung des Kindes setzt, und zwar mit allen denkbaren Mitteln, die einem Erwachsenen zur Verfügung stehen.

Welty: Handelt es sich dabei tatsächlich um eine Entwicklung aus Deutschland, speziell aus Nazi-Deutschland?

Tenorth: Nein. Schwarze Pädagogik findet man weltweit, nicht nur immer jeweils isoliert. Es gibt parallel dazu auch immer andere. In Deutschland aber zum Beispiel Johanna Haarer, die Erziehungspraktikerin, die ihr Buch geschrieben hat, auf das Herr Brisch angespielt hat, muss ihre Praktiken und Theorien und Vorschläge nicht erfinden, sondern sie kann sich zum Beispiel auf Erziehungsratgeber stützen, die seit langem im bürgerlichen Milieu in Deutschland vorlagen und in denen Formen der Bestrafung, der Kontrolle, der Isolierung, der Unterwerfung der Kinder detailliert und ausführlich beschrieben worden waren. Sie fasst das nur noch mal neu zusammen.

Veränderte Erziehung

Welty: Was bedeutet das für den Erziehungsstil heute?

Tenorth: Man muss ganz eindeutig sagen, dass die Praktiken der Erziehung, die in der Schwarze Pädagogik dominieren, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ihre Wirkung in der Realität weitgehend verloren haben. Wir haben keine Alltagspädagogik als schwarze Pädagogik mehr. Die Erziehung hat sich sehr verändert, vor allem, weil sich unsere Vorstellungen von der Natur des Kindes sehr verändert haben, und nicht nur in der Reformliteratur, auch in der Praxis.

Selbst ein Text wie das Bürgerliche Gesetzbuch hat in dieser Zeit den Begriff der „elterlichen Gewalt“, der dort sei 1900 stand, durch den der „elterlichen Sorge“ ersetzt und einen Paragrafen aufgenommen, in dem die Eltern ausdrücklich dazu verpflichtet werden, ihre Erziehungskonzeption und die Vorstellungen von der Zukunft des Kindes gemeinsam mit dem Kind auszuhandeln, zu besprechen und zu erörtern.

Wir leben in einer anderen Welt. Schwarze Pädagogik ist nicht die dominierende Form der Erziehung, die wir in Deutschland haben – ohne, dass ich damit leugnen will, dass es ab und zu auch in Familien, auch in Familien heute Missbrauch von Kindern gibt, Unterwerfung, Unterdrückung von Kindern, Gewalt gegen Kinder.

Dritter Stil der Erziehung

Welty: Was ist denn, was die Erziehungsfragen angeht, inzwischen das probate Mittel oder die gängige Theorie? Es ist ja immer so eine Diskussion auch zwischen antiautoritärer und autoritärer Erziehung.

Tenorth: Aber dieser Gegensatz ist im Grunde überwunden. Der beherrschte in den 60er-Jahren die Übergangsphase, antiautoritär oder autoritär. Man hat im Grunde einen dritten Stil zwischen diesen beiden Polen gefunden, wobei ein anderer Pol liberal und zu laisser-faire-haft, also zu wenig orientierend ebenfalls abgelehnt wird.

Was wir heute für eine Erziehungswirklichkeit haben, kann man vielleicht mit einem paradoxen Begriff beschreiben, der sich schon bei Rousseau findet, dem französischen Erziehungstheoretiker der Aufklärung.

Für den sollte die Erziehung in einer Welt „wohlgeordneter Freiheit“ stattfinden. Und wohlgeordnete Freiheit ist doch eine Formel, die man ebenfalls in der Aufklärung schon bei Kant findet. Der hatte als Problem der Erziehung auch die paradoxe Formulierung „Wie kontrolliere ich die Freiheit bei dem Zwange?“. Für ihn war Zwang die Unterwerfung unter das Gesetz.

Aber das geht heute durch eine Atmosphäre der Zuwendung, durch symmetrische Strukturen, die verbunden sind immer auch und verbunden sein sollten mit festen und verlässlichen Regeln, auf die sich die Akteure insgesamt beziehen. Eine Form der Kommunikation, die auch Widerspruch zulässt und Widerspruch geradezu provoziert und toleriert, und eine Form des Handelns, die die Kinder mit beteiligt. Freiheit und Partizipation dominieren heute, aber das ist nicht Chaos, sondern eine innere Form der Disziplin gehört mit dazu.

Einsichtige Dreijährige

Welty: Aber wie viel Sinn macht es tatsächlich, mit einem Dreijährigen darüber diskutieren zu wollen, dass man jetzt eine Jacke anzieht bei fünf Grad.

Tenorth: Nein, man diskutiert nicht mit dem Dreijährigen lange darüber, sondern wenn er sie – ich habe Enkel, die sind in dem Alter zufällig, und erlebe das auch alltäglich –, man diskutiert nicht darüber, sondern man nimmt die Jacke unter den Arm, verlässt das Haus, und sofort will er die Jacke anziehen, weil er friert. Es ist sinnlos, Diskussionen zu führen oder mit Gewalt etwas durchzusetzen, wenn man Situationen erlebt und erfährt, in denen sich das selbst regelt.

Dreijährige sind sehr einsichtig. Die können sehr klug kommunizieren. Das Bild des Kindes, das die Kleinkindforschung uns vermittelt, ist das des schon kompetenten Säuglings und des kompetenten Kleinkindes. Das muss man vernünftig argumentieren. Das geht auch, wenn man das mit Verständnis und mit Einfühlungskraft macht, aber auch mit der festen Praxis, dass bestimmte Dinge einfach notwendig sind.

Angst vor Miterziehern

Welty: Welche Rolle spielt auch im historischen Rückblick das Stichwort Mediennutzung? Das ist ja nicht nur virulent, seitdem Spielekonsolen in die Kinderzimmer eingezogen sind.

Tenorth: Medien galten immer als die gefährliche Umwelt der Erziehung. In den historischen Texten sind das die Miterzieher, vor denen sich die Eltern und die Erzieher fürchten, weil sie die nicht kontrollieren können und damit nicht den Zugang zur Welt kontrollieren können, den die Kinder selbstständig haben.

Schon um 1800, also als die modernen Gedanken über Erziehung erstmals formuliert wurden, waren alle Pädagogen ganz ängstlich besorgt und geradezu dramatisch darüber entsetzt, was sie die „Lesesucht der Kinder“ nannten.

Als die Kinder erstmals anfangen konnten, selbst zu lesen, Texte zu lesen, haben die Pädagogen gleich befürchtet, dass sie alles Verderbliche der Welt dabei in sich aufnehmen. Und vor allem die jungen Mädchen, die die Romane lasen, waren ein Objekt der größten Sorge dieser Pädagogen. Und die haben die Lesesucht bekämpft, weil sie alles Schreckliche vermuteten, was man heute auch hören kann.

Heute nennt man das „digitale Demenz“, in den Texten des 18. Jahrhunderts ist das die Demenz, die das Lesen erzeugt, die das Rückgrat verändert, die bei Mädchen verhindert, dass sie brave und ordentliche Mütter werden. Die Angstfantasien der Pädagogen vor den Medien sind riesengroß.

Das fängt beim Lesen um 1800 an, das ist bei Texten um 1900, bei Filmen im frühen 20. Jahrhundert und bei Comics im späteren 20. Jahrhundert. Und heute sind das die Computerspiele. Pädagogen haben Kontrollfantasien, und Kontrollangst, die man ihnen offenbar nicht austreiben kann. Wenn Kinder sich selbst die Welt erobern, gilt das als gefährlich.

Pädagogische Dummheit

Welty: Ich meine, zwischen Ihren Worten herauszuhören, dass sie nicht ganz dieser Ansicht sind.

Tenorth: Nein, wenn Sie beobachten, wie souverän Kinder mit Medien umgehen und wie sehr sie sie aktiv nutzen können, auch parallel nutzen können und natürlich auch Erfahrungen machen, die den Erwachsenen nicht immer erfreuen, aber die doch auch gleichzeitig selbst merken, wenn Medien langweilig werden. Ich habe diese Ängste nicht.

Man muss das Zutrauen in die Kinder haben, mit ihnen darüber vernünftig kommunizieren, aber nicht mit Bestrafungspraktiken arbeiten. Das erzeugt gegenteilige Effekte. Und nichts ist schlimmer als gegenteilige Effekte mutwillig herbeizuführen. Das ist die größte Dummheit, die Pädagogen machen können.

Welty: Erziehung im 21. Jahrhundert, dazu der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmer Tenorth. Ich danke Ihnen herzlich!

?HIER auch nachzuhören: https://www.deutschlandfunkkultur.de/debatte-um-dokumentarfilm-elternschule-wir-haben-keine.1008.de.html?dram:article_id=432669

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Heinz-Elmar Tenorth ist emeritierter Professor für Historische Erziehungswissenschaft am Institut für Allgemeine Pädagogik der Humboldt-Universität zu Berlin. 1965 Abitur am Heinrich-Heine Gymnasium Bottrop - damals noch Städtisches Jungengymnasium. 

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