Kinder sollten Schulweg allein meistern – ohne Elterntaxi

Für die Sechstklässler am Heinrich-Heine-Gymnasium sind Rolf Schmidt und Michael Verleger alte Bekannte. Die beiden Verkehrssicherheitsberater der Polizei begleiten einen Großteil der Kinder schon seit Grundschulzeiten. Bei ihnen haben sie die Radfahrprüfung abgelegt und wertvolle Tipps erhalten, wie sie sich im Straßenverkehr verhalten sollen und wie sie sicher zur Schule kommen.

In der Doppelstunde jetzt geht es vor allem um das richtige Verhalten als Radfahrer. Denn für die Schüler hat sich einiges geändert. Die meisten sind nun älter als zehn Jahre alt, das Radeln auf dem Bürgersteig ist damit tabu. Schmidt und Verleger stellen den Kindern nun die aktuellen Regeln vor: Wo müssen Radler auf der Straße fahren? Wo ist die Benutzung des Radweges vorgeschrieben? Die Hände schießen in die Höhe, die Sechstklässler sind gut vorbereitet, erklären das runde blaue Schild, das die Benutzung des Radwegs zwingend vorschreibt.

Auf der Fahrradstraße haben Radler Vorrang

Dann kommen die beiden Polizisten auf eine Besonderheit vor dem Heinrich-Heine-Gymnasium zu sprechen. Schließlich ist die Gustav-Ohm-Straße ja eine Fahrradstraße. Wer dort auf dem Rad unterwegs ist, hat Vorrang vor den Autofahrern. „Als wir hier heute Morgen angekommen sind, sind die meisten von euch aber auf dem Bürgersteig gefahren“, sagt Schmidt. Das sei nicht in Ordnung. Zumal Radfahrer auf der Fahrradstraße sogar nebeneinander fahren dürfen. Allein der Gegenverkehr darf nicht behindert werden. Die hinterher fahrenden Autos jedoch müssen Rücksicht nehmen. „Hier könnt ihr die Eltern aufhalten, die bis zur Schule fahren.“

Das sagt Schmidt zwar mit einem Augenzwinkern, doch es hat für ihn und seine Kollegen einen ernsten Hintergrund. Sie möchten die Elterntaxis am liebsten von den Schulen weghalten. Eltern, die ihre Kinder zur Schule fahren, sollten abseits an anderen Straßen halten und die Kinder sollten wenigstens die letzten Meter zu Fuß zurücklegen. Das allmorgendliche Verkehrsaufkommen vor vielen Schulen macht der Polizei Sorgen. Zwar habe es da noch keine Unfälle gegeben, sagt Schmidt, doch es müsse ja gar nicht erst so weit kommen. Insgesamt hat die Polizei im vergangenen Jahr fünf Schulwegunfälle gezählt, 2016 waren es neun, 2015 elf.

Hol- und Bringzonen sollen Situation entschärfen

Deshalb unterstützen die Verkehrssicherheitsberater die Elternhaltestellen, die schon an einigen Grundschulen eingerichtet wurden. Aktuell laufen bei der Stadt Planungen, sie auch am Josef-Albers-Gymnasium einzurichten, um das Verkehrschaos an der Schule in den Griff zu bekommen. Dort sind noch weitere Maßnahmen wie etwa eine Einbahnstraßenregelung in Planung.

Schmidt und Verleger haben jedoch noch eine Idee. Sie verweisen auf die Stadt Marl, die auch stark mit Hol- und Bringzonen an Schulen arbeitet, zusätzlich aber das Projekt Walking Bus, frei übersetzt laufender Bus, propagiert. Organisiert wird es an den Schulen, und im Prinzip läuft jeden Tag ein anderes Elternteil gemeinsam mit einer Gruppe Kinder zur Schule. An verschiedenen Treffpunkten werden die Kinder eingesammelt und schließen sich der Gruppe an. Die Landesverkehrswacht wirbt regelmäßig für dieses Modell.

Kinder lernen voneinander

„Wenn Kinder gemeinsam unterwegs sind, lernen sie voneinander durch gegenseitiges Beobachten und Korrigieren“, hat Verleger beobachtet. Der Weg zur Schule sei einfach wichtig, damit die Kinder generell lernen, sich richtig im Straßenverkehr zu verhalten. Aus seiner langjährigen Erfahrung weiß er: „Eltern sollten ihren Kindern viel mehr zumuten und zutrauen. Kinder können mehr, als die Eltern glauben.“

Kinder müssen sich auf den Verkehr konzentrieren

Den morgendlichen Hol- und Bringverkehr an den Schulen – Manfred Heuser und seine Kollegen vom Bezirksdienst der Polizei bekommen ihn hautnah mit. „Die Leute sind immer ganz erleichtert wenn wir morgens da sind und die Situation beobachten, doch bei Verstößen erwarten sie dann immer noch, dass wir wegschauen“, berichtet Heuser aus seiner Praxis. Gleichzeitig stellt er aber klar, dass es sich dabei nicht um ein Bottroper Phänomen handele. „Das kann man beobachten von Flensburg bis Garmisch.“ Gerade Halterverbotszonen vor Schulen würden häufig missachtet.

Das Problem sei häufig die Lage der Schulen mitten in den Wohngebieten. Eigentlich ja gedacht, damit die Schüler den Weg zu Fuß zurücklegen können. Außerdem: Einige Schulen seien sehr alt. Als da gebaut wurde, hat niemand an die heutige Verkehrsdichte gedacht. „Die Rheinbabenschule etwa ist ja über 100 Jahre alt. Das wäre zum Beispiel ein solcher Fall.“

Schmale Gehwege

Die baulichen Gegebenheiten rund um die Schulen in Verbindung mit dem vielen Verkehr zu Schulbeginn sorgten zusätzlich für gefährliche Situationen, hat Heuser beobachtet. Er führt das Beispiel der Astrid-Lindgren-Schule am Maybachweg an. Dort auf dem Eigen seien die Gehwege so schmal, da gebe es schon Probleme, wenn sich zwei Fußgänger begegnen. Ein äußerer Einfluss, der womöglich gar nicht allen Autofahrern dort bewusst ist. Ähnlich ist die Situation auch an der Fichteschule am Wilmkesfeld. Auch dort sind die Gehwege sehr schmal.

Er rät allen Eltern, den Schulweg mit den Kindern zu trainieren – egal ob in der ersten oder nach dem Schulwechsel in der fünften Klasse. „Wenn ich mit Erstklässlern oder Kitakindern unterwegs bin, dann sage ich immer, dass der Straßenverkehr gefährlich sein kann. Er muss aber nicht gefährlich sein, wenn ich mich an die Regeln halte.“ Und die Regeln hätten die meisten Kinder eigentlich drauf.

Besondere Vorsicht bei Hindernissen

Sie wissen, dass sie niemals an Hindernissen wie großen Bäumen oder geparkten Autos die Straße überqueren sollen. Wichtig sei, dass sie im Straßenverkehr von➢➞zentriert bleiben und sich an die Regeln erinnern.

Verkehrserziehung

 

Quelle: Matthias Düngelhoff / WAZ 14.11.2018

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